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Nr. 135 A.H. Francke an Ph.J. Spater 30.3. 1691
Wir wissen nichts anders zur Sache zu sagen, als daß er müsse jetzt noth- wendig sich melden, daß er wolle gehöret seyn, und weil man die castigation 6 zum Hauptwerck machet, die innocenten umstände dabey declariren, und weil er sehe, was der teuffel vor einen Lerm daraus gemachet, sich gerne dessen hinfüro enthalten. Gewiß ists doch, daß dem Churflirsten die Sache zu odiös vorgebracht 7 , und also wenn ihm die warhafften umstände beygebracht werden könten, vielleicht sich auch sein Sinn wegen der remotion oder di- mission ändern dürffte, und weil man ja jährlich 200 thaler an ihnen wenden wil 8 , könte man ihn ja zu einem Catecheta constituiren. Aber wenn eine höhere Hand drunter ist, wer wil dem Herrn wehren? 9 Wenn ich an meines theuresten Vaters Stelle wäre, so könte ich keinen andern Weg gehen als diesen: Nemlich so lange die Sache könte dilatorie tractiret werden, und man noch die Hoffnung hätte, daß durch eine gründliche remonstration und daß man inauditum nicht verdammen könte, etwas zu hoffen wäre auszurichten, so lange wolte ich alles versuchen' 0 , sähe ich aber, daß nichts auszurichten, so wolte ich meine unterthänigste Vorstellung thun, wie ich die gantze Sache erkennete, und wie dieselbe würde zu remediren gewesen seyn zu der Stadt und der Kirche besten, und weil ich nicht erkennen könte, daß man einen sonst sich sehr treu, unverdroßen, u. arbeitsam beständig erweisenden Lehrer um eines nicht malitiose begangenen fehltritts willen removiren wolte, dazu da er nicht gehöret noch die Sache also zur gnüge untersuchet, so fände mich genöthiget von der Sache ferner zu abstrahiren, solche Seiner Churfürstlichen Durchlaucht unterthänigst anheim zugeben, und dieselbe unterthänigst anzuflehen, daß man meiner darunter schonen wolle, da ich dieses nicht gern in meine Grube nehmen wolte, daß ich einem diener Christi die remotion ankündigte, die ich erkennete, daß er sie nicht verdienet haben. Doch wird mein theurester Vater die Sache wol schärffer durchsehen. Darum schreibe ich nur, was ich freudigkeit hätte zu thun. Gott mache dessen hertz gewiß. Was nach dem Gewissen, oder auch nur, da wirs nicht besser zu machen wissen, geschiehet, hält uns der Herr ja alles zu gut. Der auch so treu ist, daß er es der Sache nicht schaden lässet, wenn wir es auch gleich nicht in allem nach seinem vollkommensten Willen träffen. Es mache sich doch mein theurester Vater keinen kummer aus der Sache, welches uns und vielen andern bey der Sache am aller kümmerlichsten ist. Wer weiß was Gott mit dem lieben
16 wissen + (wir). 34 /u./. 41 habe ( haben.
6 S. Brief Nr. 131, Anm. 7.
7 Als Spener sein nicht datiertes Schreiben in Sachen Schade an Friedrich III. (I.) von Brandenburg (s. Brief Nr. 18, Anm. 11) richtete (s. Brief Nr. 133, Anm. 6), muß dieser bereits aus anderer Quelle über die Vorgänge informiert gewesen sein (vgl. Obst, 59, Anm. 63).
8 S. Brief Nr. 133, Anm. 6.
9 Vgl. Hi 9,12 u.ö.
10 Auf die Taktik der Verzögerung setzte auch Spener (vgl. Brief Nr. 134, Z. 29-45 und Anm. 11).