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Nr. 144 Ph.J. Spener an A.H. Francke 3.5.1698
männer also hinzugegangen. Darüber von solchen verordneten und andren bürgern zu mir unterschiedliche und fast mit ungestümen gekommen, und sich sowol auffs neue über solche Unordnung beschwehrten als ob es mit unsrem willen geschehen gefragt. Worauff ich ihnen mit Wahrheit sagen
15 konte, das mir und uns übrigen, weil beide partheyen die sache an den Churfiirsten gebracht'', vor dem sie schwebet, die hände gebunden seyen, das wir nichts darinnen zu thun vermöchten, so dann das auch meine collegae 6 mit mir dieses mißbillichten, daß die leute sich die freyheit, die sie von dem Churfürsten gesucht, ohneracht deßen außspruchs, selbs nehmen, daher
20 auch, welche von uns außtrücklich ohne beicht admittirt zu werden suchten, solches abschlügen, die aber ungefragt sich mit einschliechen nicht abhalten könten. Sie sind auch mit gleicher klage zu meinen Herren collegis, wie nicht weniger burgermeistern, und andern gekommen: Ja ich sorge, sie werden in Preußen auffs neue eine große und schwehre klage gesandt haben 7 , darauß
25 leicht was schlimmes auß Gottes verhengnus erfolgen möchte. Wir haben aber sowol wegen der erbitterten burgerschafft, so uns die schuld mitgibet, als auch bey hoff nicht Verantwortung auff uns zuladen, das wir propria auto- ritate, was allein auß Churf[ürstlicher] dispensation geschehen könte, wider die kirchenordnung etwas eingeräumt, nöthig befunden, publice einige Zeilen
30 abzulesen, darinnen wir unser mißfallen über solches einschleichen, u. das man Churfürstlichen außspruch nicht erwartet, bezeugen, und andeuten, wer sich ferner mehr also herzunahen würde abzuweisen. Ich sehe von der sache mit betrübnus noch viele unangenehme folge, ist aber nunmehr diese so weit pressirte beichtsach ein stein, den nicht mehr heben kan, sondern göttlicher
35 weißheit, güte und allmacht wegzuweltzen überlaßen muß. Der Herr steure doch allen ärgernißen, u. sehe in gnaden drein, den sie auch mit uns darum hertzlich anflehen wollen.
Gestern morgens vor tag ist unser gute Herr von Stillen 8 durch einen plötzlichen stickfluß uns entrißen worden. Wir verliehren an ihm einen
11 /von/.
3 Gemeint ist auf der einen Seite vermutlich die undatierte Eingabe von Gegnern des Beichtstuhls an den Kurfürsten (s. Brief Nr. 18, Anm. 11) mit der dringenden Bitte um Gewährung von Beichtfreiheit (GStA PK HA II, Rep. 47, Nr. B 4, Fase. 18, Bl. 254f; vgl. Obst, 100). Eine vor dem 3.5.1698 datierende Eingabe der Gegner Schades wurde nicht ermittelt.
6 Johann Paul Astmann (s. Brief Nr. 110, Anm. 65) und Johann Schindler (s. Brief Nr. 110, Anm. 12).
7 Eine erneute Klage, die sich gezielt gegen Schade richtete und auf die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung setzte, reichten die Stadtverordneten und Gewerke am 10.5.1698 ein (GStA PK HA II, Rep. 47, Nr. B 4, Fase. 18, Bl. 136f; vgl. Obst, 102).
8 Conrad Berthold von Stille (um 1643-2.5.1698), seit ca. 1680 kurbrandenburgischer Hofrentmeister in Havelberg; später Geheimer Justizrat, ab 1695 Kammerrat in Berlin (Müller/Küster 3, 297. 445; Isaacsohn 2, 254. 258. 260; Zedier 40, 92 [ohne Vorname]; Ph.J. Spener, Christlicher Leich=Predigten Neundte Abtheilung, Frankfurt a.M. 1699, 251-286 [Personalia fehlen]).