Nr. 144 Ph.J. Späterem A.H. Francke 3.5.1698 537

144. Ph.J. Spener an A.H. Francke

Berlin, 03. Mai 1698

Inhalt

Sendet Beilage für Louise Charbonnet. Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern der Privatbeichte verschärfen sich weiter. Hat sich mit Johann Paul Astmann und Johann Schindler unter dem Druck der Bürgerschaft öffentlich gegen die Kommunion ohne vorherige Absolution ausgesprochen. Geheimer Rat Conrad Berthold von Stille ist plötzlich verstorben.

Überlieferung

A: AFSt/H A 125: 74

D: Kramer, Beiträge, 382-383

Von dem durch leiden in seine herrlichkeit eingegangenen Heiland Jesu Christo seiner leiden verdienst und seines lebens gemeinschafft!

In demselben hertzlich geliebter Bruder, wehrter Herr und Gevatter.

Weil ich ohne das diesen einschluß, so mir auß Warschau gesandt worden 1 , an Madam Charbonnet 2 bestellen sollen, so fuge einige Zeilen bey. Es ist vorige woche abermal eine große bewegung unter der burgerschafft wider unsren guten Herrn M. Schaden 3 entstanden. Weil auff das fest 4 viele derje­nigen, welche nicht beichten wollen, eigenmächtig sich bey der communion eingefunden. Uber dero admission die verordnete der burgerschafft extreme widerum erbittert worden, sonderlich weil auch weiber wider willen ihrer

1 Nicht ermittelt.

2 Louise Charbonnet (um Dez. 1665-30.8.1739), geb. in Metz als Tochter des Ratsherrn Daniel Charbonnet; um 1685 als Hugenottin Flucht nach Riga, 1694 Konversion zum lu­therischen Bekenntnis; Frühjahr 1698 Leiterin des Gynäceums in Franckes Schulanstalt bis zu dessen Auflösung (1703); 1704 Eintritt in das Frauenzimmerstift und Leitung der mit diesem verbundenen Mädchenschule, die 1709 von Franckes Anstalten organisatorisch getrennt wurde (PfA St. Georgen, Tauf- und Sterberegister 1727-1748, Teil Beerdigungen 1739, Nr. 98; Witt, 109f. 142-147. 184-194 u.ö.; AFSt/H D 121: 1 [Bericht von des Gynaecei Anfang und Fort­gang, o.J.]). - Charbonnet, deren Konversion Spener begleitet hatte (vgl. Charbonnet an Spener, Königsberg 12.7. und 20.8.1694, AFSt/H D 88: 88-92; LBed. 3, 558f), kritisierte später das hallische pädagogische Konzept (Memorial die itzige Verfaßung des Gynäcei betreffend, Glaucha 19.8.1701, AFSt/W Rep. 1, II/-/42) und trat in Kontakt mit Johann Georg Gichtel (vgl. dessen Antwortbriefe in J.G. Gichtel, Theosophia practica [...], Bd. 4, Leiden 1722, 3077-3092), weil sie in Halle die erhoffte Heilsgewißheit nicht gefunden hatte (vgl. Charbonnet an Francke, o.Q, o.J., SBPrKB, Nachlaß Francke, Kaps. 8). Die von ihr verfaßte französische Grammatik (L. Charbonnet, Nouvelle grammaire franeoise [...], Halle 1699) wurde auch im Paedagogium benutzt (vgl. Witt, 186).

3 Johann Caspar Schade (s. Brief Nr. 19, Anm. 12).

4 Ostern, 24.4.1698.