Nr. 158 Ph.J. Spener an A.H. Francke 11.4.1699

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land Superintendent] sich darzu bestellen laße. Solte also hoffen, die beide obgemeldte Sölten sichs nicht vor eine ernidrigung schätzen. Wegen Herrn 40 Thimens' 8 wäre es nur, ob die kräfften zulänglich, wiewol die jüngste dia- coni wegen der noch nicht vielen habenden kundschafft, nicht sosehr über- häuffet sind, u. es nicht auff lange angesehen wäre. Man müßte aber auch der stärcke oder klahrheit der spräche versichert sein: dann dieses hie ein hauptrequisitum. Herr Seidel 19 ist mir solieb als einiger unter allen: aber bey 45 seinem scrupul wegen der disciplinae Ecclesiasticae 20 könte er in Berlin kein viertheljahr wol stehen, und würden die motus hefftiger werden als vorher, hingegen alle schuld auff mich wider fallen. Bitte nochmal freundlich die gedancken hierüber. Der Herr aber laße uns nichts wollen, rathen oder ver­suchen, als was seinem rath selbs gemäß ist. In deßen treue obhut, segen u. 50 regirung samt gantzen lieben hauß ergebende verbleibe

Meines Hochgeehrten Herrn Gevfatters] u. gel[iebten] Bruders zu gebet u. liebe williger

Ph[ilipp] JfacobJ Spener D. Mppria.

Berlin den 11. Apr. 1699. 55

43 /wäre/. 51 gantzen ]D.

18 S. Anm. 14.

19 Christoph Matthäus Seidel (5.6.1668-8.7.1723), geb. in Weißenfels; 1685 Studium in Leipzig (1687 Magister), 1689 Hilfsprediger in Marbach bei Dresden, 1691 Pfarrer in Wolkenburg bei Altenburg, 1700 Pfarrer in Schönberg in der Altmark; 1708 Superintendent in Tangermünde, 1715 Superintendent und Oberpfarrer an St. Katharinen in Brandenburg; ab 1717 adjungierter Propst an St. Nikolai in Berlin (DBA 1170, 445-450; Jöcher 4, 483; Matrikel Leipzig, 421; Pfarrerbuch Brandenburg 2/2, 821; Grünberg 1, 288f; Canstein/Francke, 65. 94. 166fT u.ö; W. Wendland, Der pietistische Landgeistliche in Brandenburg um 1700, in: JBrKG 29, 1934, 76ff). Seidel, der bereits eine Widerlegung der Ausführlichen Beschreibung (s. Brief Nr. 81, Anm. 17) verfaßt hatte (Chr.M. Seidel, Warheit und Unschuld [...], o.O. 1693; vgl. Gierl, 151, Anm. 88), veröffentlichte ab 1697 Werke mit Vorreden Speners und Franckes ([ders.], Lutherus redivivus [...], Halle 1697 [mit Vorrede Speners, vgl. Grünberg Nr. 261 und Gierl, 179]; ders., Christliches und erbauliches Gespräch von Zechen, Schwelgen, Spielen und Tantzen, darinnen aus Gottes Wort, Lutheri Schrifften, Catechismo [...] deutlich erwiesen wird, daß dergleichen fleischliche Wollüste nicht zugelassene Mittel-Dinge, sondern [...] Sünden seyn [...], Halle 1698 [mit Vorrede Franckes, vgl. Francke-Bibliographie Nr. K 5.1]; [ders.], Christ-lutherische Unter­redung über Hr. D. Jos. Deutschmanns Tractat, der Christ-Lutherischen Kirchen Prediger Beichte und Beicht-Stuhl [...], Frankfurt a.M. 1699 [mit Vorrede Speners, vgl. Grünberg Nr. 264]).

20 Das Problem einer möglichen Versündigung des Pfarrers durch die Zulassung eines Un­würdigen zum Abendmahl muß Seidel nicht erst in den Veröffentlichungen der Jahre 1698/99 (s. Anm. 20), sondern bereits in einem Brief an Spener im Jahre 1697 thematisiert haben: Spener reagierte hierauf mit einem ausfuhrlichen Schreiben vom 17.9.1697 (LBed. 3, 702712). Aus­einandersetzungen um Seidels Pfarramtsverwaltung in Wolkenburg seit 1692, die bis vor den Dresdner Hof gelangten, sind im AFSt/H ausführlich dokumentiert (D 77b: 169-203; D 83: 1-519).