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Nr. 188 Ph.J. Spener an A.H. Francke 23.12.1699
Ich schlug endlich vor, ob Herr D. Fischer 7 , als ein mann von stattlicher klugheit u. erfahrung, auch autoritet u. redlicher absieht, ersuchet werden könte, autoritate Electorali die mißhelligkeit zwischen ministerio und gel[ie-
20 btem] Bruder, oder insgesamt Theologis, zu componiren und ab zuthun. 8 Dieses nahm er zu bedacht, und hinderbrachte mir vor 3 tagen widerum, das S[eine] Churfjurstliche] Durchlaucht sich die sache wol gefallen ließe, und ich deswegen an ihn schreiben solte: daher mit gestriger post an ihn geschrieben, ob er sich darzu verstehen möchte 9 : und muß nun antwort warten 10 ; so lang
25 bleibet auch alle ersetzung auffgeschoben. Dieses geschihet aber in größter geheim, wie es auch gel[iebtem] Bruder in dergleichen geheim (und auß- trücklich außer Herrn D. Brfeithaupt] und Herrn D. Anton 11 keinem einigen menschen darvon part zu geben) zur nachricht vertraue: da sonsten, wo es im geringsten zu frühe eclattirte 12 , die gantze sache verdorben u. rückgängig
30 gemacht werden würde. Ach das der Herr dieses mittel in gnaden segnen, oder ein anderes beßres zeigen wolte!
Außer dem, das die sache mit dem ministerio abgethan, ist weder in dieser bestellung noch sonsten vom hoff etwas nachtrückliches zu hoffen: sondern bleibet dabey, wo es zwo parteyen gebe, könne sich Serenissimus der wenigen mit alienation des gantzen landes nicht annehmen 13 : müßten daher diese sich
35 also comportiren, das die andre sie neben sich lidten. Solte nun durch Gottes gnade Herr D. Fischer sich des geschäffts unterziehen, müßte alsdann alles mügliche gethan werden, damit eine composition getroffen würde. Gott aber führe alles selbs nach seinem rath 14 , und zu seinen ehren. Die arg(umen]te vor Herrn D. Breithaupten 15 , die bereits erstmahl selbs Herrn gehfeimen]
40 R[ath] von Fuchs vorgetragen habe, sind gantz relevant, und bin ich versichert, wo der fall vor einem jähr und diesen troublen 16 vorgegangen wäre,
24 warten; ] + <An(?)>. 28 es ] + <es(?)>. 34 /daher/ : (also).
7 Johann Fischer (s. Brief Nr. 116, Anm. 52).
8 Tatsächlich übernahm Fischer den Vorsitz in der ab März 1700 tagenden Kommission zur Schlichtung der Auseinandersetzungen zwischen Francke und der Halleschen Stadtgeistlichkeit (s. Brief Nr. 201, Z. lOff). Zudem konnte er als Generalsuperintendent im Herzogtum Magdeburg ab 1700 (s. Brief Nr. 224, Anm. 6) in zentraler Position die kirchenpolitische Lage zugunsten Franckes beeinflussen.
9 Spener erläuterte Fischer in seinem Brief vom 21.12.1699 ausführlich den Hergang der Auseinandersetzungen in Halle und bat ihn dringend, die Schlichtung zu übernehmen (Cons. 3, 780b-781b).
10 Fischers positive Antwort an Spener datiert vom 29.12.1699 (s. Brief Nr. 190, Z. 31-34 und Anm. 9).
11 Paul Anton (s. Brief Nr. 110, Anm. 64).
12 S. Brief Nr. 59, Anm. 24.
13 Dieses Argument vgl. schon in Brief Nr. 184, Z. 36—39. u Vgl. Ps 73,24; Jes 28,29.
15 Für die Übernahme des Inspektorats durch Breithaupt (s. Anm. 4).
16 Zu den Auseinandersetzungen des Jahres 1699 vgl. Brief Nr. 161.