Nr. 195 Ph.J. Spener an A.H. Francke 10.2.1700
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Im übrigen suchet Herr D. Mayer von Hamburg 7 sich hier etwas zu insinuiren, und scheinet er finde auß gewißer absieht (darinnen er sich doch betriegen wird) einigen eingang. 8 Erlangt er denselben weiter, so ists ein an- 2» fang eines schwehren gerichts. Dagegen wir noch zu beten haben.
Wo das responsum in causa Essendiensi 9 gemacht, und beliebig sein wird, mir zu communiciren, will es gern sehen. Gott dämpffe jenes feuer, das leicht gefahr bringen kan. In Franckfurt am Mayn sind vor 14 tagen Christlichen leuten alle ihre zur erbauung angestelte zusammenkünfFten, die nunmehr 25 gegen 30 jähr nicht ohne segen und viele frucht gewähret haben, bey hoher straffe verboten worden: weil das ministerium von der Adventszeit an auff den cantzeln continuirlich dagegen detonirt, biß sie endlich von dem magistrat solches verbot heraußgezwungen. 10 Ich sorge, die liebe statt treibe damit viel segen von sich. Wehe aber denen, die daran ursach. 30
Mit unserm Herrn Blanckenberg 11 hat sich die sache geändert. Er war zwahr beruffen zu einem adjuneto und successore: aber hac conditione, das er S[eligen] Herrn Astmanns' 2 stelle solang verwaltete, und solche besoldung habe. 13 Wäre ihm auch ä Senatu die vocation gleich gegeben worden, hätte es seinen fortgang gehabt: weil aber der rath nicht wolte, biß es endlich nicht 35 viel anders als befohlen ward (Er auch das singen scheute, und weil er ex voto kein beichtgeld nimmet, motus daher sorgte) wolte er als ihm endlich der rath vorige woche die vocation geben wolte, solche nicht annehmen: so ist endlich mittel gefunden worden, das er bloß mein adjunetus bleibet, aber von den diaconis predigten annimmet, higegen ein ander diaconus gewehlet 40 wird, da ich auch Herrn Rhauen darzu fast versichre. 14 Gibt nun Gott noch
20 eingang ] + (zu finden). 26 /segen/ : (erbauung). 27 das ( der. 33 Astmanns ] Aß- manns: D.
7 Johann Friedrich Mayer (s. Brief Nr. 17, Anm. 35).
8 Hinweise auf Mayers konkrete Anliegen fehlen. Ein Jahr zuvor hatte sich Mayer in Berlin aufgehalten, um die Angelegenheit der Einführung Gerhard Meyers (s. Brief Nr. 190, Anm. 17) als Superintendent in Quedlinburg zu regeln (vgl. Schulz, 189f und Brief Nr. 190, Anm. 19).
9 S. Brief Nr. 194, Anm. 3.
111 Vgl. R. Mack, Forschungsbericht: Pietismus in Hessen, in: PuN 13 [1987], 181-226, hier 184 (ohne Quellenangaben). Dechent geht dagegen davon aus, daß es ein Verbot der auf Spener zurückgehenden Collegia durch den Rat der Stadt nicht gegeben hat (H. Dechent, Kirchengeschichte von Frankfurt a.M. seit der Reformation, Bd. 2, Leipzig u. Frankfurt a.M. 1921, 107).
11 Konrad Gottfried Blankenberg (s. Brief Nr. 22, Anm. 31).
12 Johann Paul Astmann (s. Brief Nr. 110, Anm. 65).
13 Blankenberg hatte bisher die Stelle des 2. Diakons an St. Nikolai, die eigentlich Dietrich Christian Cunov (s. Brief Nr. 158, Anm. 4) einnahm, besetzt (vgl. Brief Nr. 168, Z. 45-57).
14 Johann Rau (s. Brief Nr. 134, Anm. 21) wurde im März 1700, nachdem Cunov durch die Schaffung der Adjunktenstelle für Blankenberg wieder die 2. Diakonatsstelle einnehmen konnte, zum 3. Diakon an St. Nikolai berufen.