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Nr. 203 A.H. Framke an Ph.J. Später 30.3. 1700

Wäre die Sache mit Herrn Semlern 15 verblutet 16 , und man könte ihn nach Berlin bringen, solte ich großen Segen hoffen, und ist ihm keiner der vorigen gleich, es sey denn Herr Lucht. Er hat auch gar feine und in die äugen leuch­tende auch in die Ohren schallende externa, und ein sonderlich donum einer

30 liebreichen und doucen conversation, damit er hoffentlich wenn er erst da seyn würde sich bey allen sonderlich recommendiren würde. Es ist Schade, daß des Menschen Gaben sollen so sehr vergraben seyn. Er ist einer von den wichtigsten Leuten, die Gott anno 89 in Leipzig erwecket. 17 Es möchte leicht kommen, daß man sein talent in Berlin aestimirete, und ihn zu einer

35 wichtigern Stelle zöge. So viel ist mir von der Sache in den Sinn kommen. Gott führe sie nun selbst zu seinen Ehren.

Vor übrige gute Nachrichten 18 dancke ich hertzlich. Afugustanam] Cfonfe- ssionem] und apologiam wolte auf solche Weise noch wol herausbringen 19 ,

40 wenn nur sich in Berlin Gelegenheit finden möchte, einen Verleger zu kriegen, und der es, wann er die materie auf Ostern empfinge, noch in die Oster=meße gedruckt liefern könte. 20 Denn wir sind alzu sehr überheuffet, sonst hätten wir gern Kopkii 21 theolfogiam] mystficam] 22 noch gedrücket. Nach der Meße aber könte beydes geschehen. Die dedication 23 wolte vorher

15 Gebhard Levin Semler (s. Brief Nr. 10, Anm. 26).

16 Semler war als Hauslehrer von Adelheid Sybille Schwarz (s. Brief Nr. 55, Anm. 16) zunächst aus Lübeck verwiesen worden und ab 1692 Protokollant der Visionen von Anna Margaretha Jahn (s. Brief Nr. 22, Anm. 18) in Halberstadt gewesen. Nach ärztlichen Untersuchungen wegen ei­gener Ekstasen war 1694 die Ausweisung aus Halberstadt erfolgt. Am 14.8.1696 war im Ergebnis einer Prüfung von Lehre und Leben Semlers Bitte um Zulassung zu einem Lehr- und Predigt­amtan einem unserm Fürstenthume Halberstad nicht gahr zu nahe belegenen Orte" in einem kurfürstlichen Reskript an die Magdeburger Regierung stattgegeben worden (GStA PK HA t, Rep. 52, Nr. 129, 1690-1700, Bl. 289 r , zum Vorgang vgl. auch Bl. 290f). Nach der Probepredigt im Jahre 1697 (vgl. GStA PK, aaO, Bl. 364-368) war Semler 1698 Pfarrer in Kabelitz bei Stendal geworden.

17 Eine annähernd vollständige Namenliste der Anhänger Franckes am Ende der 80er Jahre in Leipzig läßt sich nicht erstellen. Anhaltspunkte gibt neben einzelnen Biographien (vgl. u.a. Heinrich Lucht [s. Anm. 3], Andreas Care [s. Brief Nr. 79, Anm. 3] und Heinrich Westphal [s. Brief Nr. 12, Anm. 24]) das Gerichtliche Leipziger Protokoll vom 12.8. bis 10.10.1689 (Francke, Streitschriften, 171).

18 Francke dürfte vor allem die Nachrichten von Fischers bevorstehender Abreise und dem Beginn der Untersuchungskommission sowie Daniel Bernhardis (s. Brief Nr. 182, Anm. 6) Zu­stimmung zur Adjunktur Johann Christoph Meurers (s. Brief Nr. 21, Anm. 18) in Speners Brief vom 27.3.1700 meinen (s. Brief Nr. 201, Z. 27-39).

19 Zur geplanten Edition von CA und Apologie (s. Brief Nr. 198, Anm. 26f) vgl. Briefe Nr. 198, Z. 51-60, Nr. 199, Z. 12-18 und Nr. 201, Z. 43-49.

20 Die Edition kam offensichtlich nicht zustande.

21 Balthasar Köpke (s. Brief Nr. 16, Anm. 42).

22 B. Köpke, Sapientia Dei in mysterio crucis Christi abscondita. Die wahre Theologia mystica oder ascetica aller Gläubigen A. und N. Test. Aus 1. Corinth. 2., v. 6.7. entgegen gesetzet der fal­schen aus der heydnischen Philosophia Piatonis und seiner Nachfolger/ In zwey Theil [...], Halle [Waisenhausverlag] 1700 (die Vorrede Speners datiert vom 28.8.1700, vgl. Grünberg Nr. 266).

23 CA und Apologie sollten den Landständen gewidmet werden (s. Brief Nr. 198, Z. 53- 58).