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Nr. 220 PhJ. Spener an A.H. Francke 25. 5. 1700
Von diesem sagt man, er wolle auch hieher kommen, so ich nicht zu geschehen wünsche, und sonsten viele nachtheilige motus darvon sorge. Solte er auch nach Halle sich wenden, würde mirs auch leid sein, denn von ihm als einem solchen reden höre, der wo er hin kommet, nicht still sein könne, daher gleich bewegungen entstehen. 20
Von meinen brieffen und antworten 21 hoffe geliebt es Gott nechste woche eine partey zusammen zu machen und zu schicken, dann gern hätte, das sie auff Michfaelis] fertig würden 22 . Herrn Dan[iel] Arnoldi 23 bitte von mir freundlich zu grüßen, und zu vernehmen, ob er nicht hieher zu Herrn Thöring 24 kommen wolte, auff seinen Sohn, den er ihres orts her revociren
36 diesem ] diesen: D.
Renkewitz, 44-52. 91-94 u.ö.; R. Dellsperger, Samuel Königs „Weg des Friedens" [1699- 1711]. Ein Beitrag zur Geschichte des radikalen Pietismus in Deutschland, in: PuN 9, 1983, 152-179; Dellsperger, 93-114. 124-128. 172-176 u.ö.; Schneider 2, 121-123; Temme, 95-98. 144-149 u.ö.; vgl. auch Anm. 19).
" Nachdem sich die seit 1699 gesteigerte chiliastische Naherwartung, die durch die Einwanderung der aus der Schweiz ausgewiesenen Pietisten nach Süddeutschland verstärkt wurde, zunächst auf Frankfurt a.M. gerichtet hatte, waren das oberhessische Laubach und das in der Grafschaft Wittgenstein gelegene Berleburg zu den zentralen Schauplätzen radikalpietisdscher Aktivität geworden (vgl. Renkewitz, 50-87; Schneider 1, 418-421). Unterstützt von der Gräfin Hedwig Sophie von Sayn-Wittgenstein-Berleburg in Berleburg und von Graf Henrich Albrecht und dessen Frau Sophie Juliane von Sayn-Wittgenstein-Hohenstein in Schwarzenau hielten die Wittgensteiner Pietisten unter Führung Königs (s. Anm. 18) und Hochmanns (s. Anm. 17) Gebetsversammlungen und Predigten. Die seit Gründonnerstag 1700 etwa zweieinhalb Wochen lang abgehaltenen enthusiastischen Versammlungen, in denen Männer und Frauen unter Verleihung eines biblischen Namens und begleitet von ekstatischen Erscheinungen zu Priestern des neuen Reichs eingesegnet wurden, bildeten einen Höhepunkt in der Geschichte des frühen Wittgensteiner Pietismus. Bereits im Februar 1700 war auf Betreiben Graf Rudolfs von der Lippe- Brake eine Untersuchungskommission gegen diese Aktivitäten angestrebt und am 2.5.1700 der Berleburger Prediger Dietrich Otto Schmitz, der König u.a. seine Kanzel zur Verfügung gestellt hatte, vom Amt suspendiert worden. Zugleich hatte Graf Rudolf eine Klage gegen Hedwig Sophie beim Reichskammergericht eingereicht. In der Folge zogen sich die radikalen Pietisten nach Schwarzenau zurück (vgl. Goebel 2, 736-777; 3, 71-86; Renkewitz, 88-151, v.a. 103-126; Dellsperger, 172; Temme, 146. 190-195). - Spener kann von den Ereignissen in Berleburg u.a. durch Graf Henrich Albrechts Schreiben aus Schwarzenau an dessen Bruder August, Hofmarschall in Berlin, vom 1.5.1700 (vgl. Renkewitz, 126f) erfahren haben. Er hatte sich am 24.5.1700 [in einem Brief an einen unbekannten Empfänger] über die Vorgänge zurückhaltend geäußert (LBed. 3, 590-593; vgl. Renkewitz, 127f). - Zu Nachrichten aus Berleburg an Francke s. Brief Nr. 221, Z. 17-23.
2,1 Offenbar erst ab ca. 1708 besuchte König von Magdeburg aus auch Halle und Berlin (vgl. Dellsperger, 176; Schneider 2, 122).
21 Bed. 1.
22 Vgl. Brief Nr. 214, Z. 68-70.
23 Daniel Arnold (Arnoldi) (Aug. 1662-10.4.1740), geb. in Leisnigbei Leipzig; 1688 Studium in Jena, 1696 in Halle; 1702 Pfarrsubstitut in Beyersdorf bei Pyritz, ab 1710 Pfarrer in Köselitz (Matrikel Jena 2, 16; Matrikel Halle, 9; Pfarrerbuch Pommern 1, 389. 391).
24 Lukas Heinrich Thering (s. Brief Nr. 102, Anm. 4).