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Nr. 222 Pli.J. Später an AM. Francke 19. 6. 1700
aber sich darzu nicht verstehen wolten, daher auch Herr D. Fischer 7 auffs äußerste embarassirt, und gefahr seye, das das gantze werck, welches durch
iü Gottes gnade so lange nach wünsch von statten gegangen, und sich ein herrlicher sieg blicken ließe, einen gantz widrigen außgang nehme. 8 Dieses hat mich also gleich bey meinem eintritt in die statt sehr gedemüthiget, und mit sorgen erfüllet. Daher zum fordersten bitte, was passiret, sobald es müglich, mir gründlich zu überschreiben 9 , u. samt seinen Herren collegis das äußerste,
15 was das gewißen zugibet, zu thun, damit nicht alle die von glücklichem außgang der sache u. commission verhoffte beßerung unsrer gantzen kirchen u. der gemeinen sache auff einmahl nidergeschlagen werde.
Wegen Weigelii 1 " habe ich mich in der Gottesgelahrtheit" p. 339 u. fjolgende] expliciret, das ich mir das urtheil über ihn, und wie recht oder
20 unrecht ihm mit den Imputationen geschehe, nicht nehmen wollen, aber die ihm von Thummio 12 imputirte errores 13 verworffen. 14 Ich schreibe auch hiermit an Herrn D. Fischern, und suche ihn zu disponiren, das eine via media getroffen werden könte. lD Solte solche nicht etwa sein können, das die Herren Theologi sich erklährten, das sie solche, wie auch andre suspecte
25 bücher, nicht allein niemand recommendirten, sondern mißrathen, und nach allem vermögen sie darvon abhalten und dero lesung hindern wolten. Ich wünsche auch, das sie ohne Widerspruch ihres gewißens bezeugen könten,
21 Thummio ] Thammio: D.
7 Johann Fischer (s. Brief Nr. 116, Anm. 52).
8 Vgl. hierzu auch Fischer an Spener, 22.6.1700 (AFSt/H D 66: 465f; abgedr. in: Krämer, Beitrage, 459f; vgl. Deppermann, 132).
9 Ein Schreiben Franckes an Spener in der Sache ist nicht überliefert.
10 S. Anm. 5.
11 Ph.J. Spener, Die allgemeine Gottesgelehrtheit aller glaubigen Christen und rechtschaffenen Theologen. Auß Gottes wort erwiesen/ mit den zeugnuessen vornehmer alter und neuer reiner Kirchen-Lehrer bestaetiget/ Und Der so genannten Theosophiae Horbio-Spenerianae, Zur gruendlichen Verantwortung entgegen gesetzt [...], Frankfurt a.M. 1680 (Grünberg Nr. 280).
12 Theodor Thumm (8.11.1586-20.10.1630), Kontroverstheologe, geb. in Hausen a.d. Zaber in Württemberg; 1600 Studium in Tübingen, 1608 Diakon in Stuttgart, 1614 Superintendent in Kirchheim u.T und in Stuttgart, 1618 Pfarrer, Dr. und Prof. theol. in Tübingen (DBA 1270, 357-361; ADB 38, 169-171; Jöcher 4, 1181; RGG 4 8, 389f; BBKL 11, 1527-1530; Matrikel Tübingen 1, 758).
13 Th. Thumm, Impietas Wigeliana, hoc est, necessaria admonitio de centum et viginti erro- ribus novorum prophetarum coelestium, quos a Valentino Wigelio nostra haec aetas dicere coepit Wigelianos [...], Tübingen 1622, "1650. — Thumm stellt seinem Werk einen „Index errorum Wigelianorum", in dem er 120 Irrtümer auflistet, voran.
14 Spener grenzt sich gegen 16 der Irrtümer, die Thumm für weigelianisch erklärt und die auch gegen Spener erhoben werden, ab (betreffend die Artikel Vom göttlichen Wort, Vom freien Willen des Menschen, Von der göttlichen Wirkung durch Predigtamt, Wort und Sakrament und Von der Rechtfertigung) — er setzt sich nicht mit der Frage auseinander, ob die Vorwürfe Weigel zu recht gemacht wurden (vgl. Spener, Gottesgelehrtheit [s. Anm. 11], 339-357).
15 Ein Schreiben Speners an Fischer vom 19.6.1700 ist nicht nachweisbar. Zur Reaktion Fischers s. Anm. 8.