H einrich Wilhelm Ludolt(6355 1712) stammte aus einer Erfurter Patrizierfamilie und war der Neffe des bekannten Orientalisten Hiob Ludolf(1624 1704). Früh wurde er von seinem Onkel in einigen orientalischen Sprachen unterrichtet und erhielt die Möglichkeit, erste Reisen zu unternehmen. 1686 trat er in den Dienst Georgs von Dänemark(1653 1708), des Prinzgemahls der englischen Königin Anne(1665 1714) in London, Seine Tätigkeit als dessen Sekretär musste er jedoch 1691, wohl aus gesundheitlichen Gründen, autgeben, Die Aufgabe seiner beruflichen Tätigkeiten ermöglichte vs ihm, zahlreiche Reisen zu unternehmen, die ihn in die Niederlande, nach Russland und schließlich bis in das Osmanische Reich und in das Heilige Land führten.
Von 16958 bis 1766 reiste Heinrich Wilhelm Ludolf von Halle über Konstantinopel bis nach Jerusalem und dann weiter über Kairo und Alexandria zurück nach Livorno, Er selbst bezeichnete diese Reise mehrfach als Pilgerreise und stellte sie in den Dienst Gottes:„However he is almighty for whose service| wish to perform this pilerimage.“ Für einen lutherischen Christen erscheint eine solChe Pileerfahrt zumindest auf den ersten Blick als schr ungewöhnlich, denn Martin Luther(1483 1546) hatte das Pilgern und Wallfäahrten abgelehnt. Vielmehr war Luther der Ansicht, dass der„wahre Glaube” nicht an einen Ort oder eine Person gebunden sei. Dennoch zeigt sich hei aunauerer Untersuchung, dass häufig protestantische Pilger
fahrten ins Heilige Land unternommen wurden.
ANNE SCHRODER KAHNI
„beym Ümgange mit allerhand nationen
und religionen ein und ander Vergnügen bescheret”
Heinrich Wilhelm Ludolfs Reise im den Ortent
Pilger- und Orientreisen in der Frühen Neuzeit
Schon seit dem zweiten Jahrhundert nach Christi wurden
religiös motivierte Reisen ins Heilige Land unternommen, da viele biblische Erzählungen sich auf konkrete Orte bezichen und man diese schen wollte. Bis zum Mittelalter hatte sich daraus das Pilgerwesen soweit ausgebildet, dass sich bereits feste Routen mit dem Schiff von Venedig bis Jaffa und weiter über Land bis Jerusalem etabliert hatten.‘
Welche zentrale Bedeutung Jerusalem für das europäische Christentum hatte, zeigt sich etwa an spätmittelalterlichen
Weltkarten, wie zum Beispiel die berühmte Lbstorfer Karte ‚auf denen die Stadt stets im Zentrum steht, um das sich die bekannte Welt gruppiert. Karten des Heiligen Landes und Jerusalems wurden zudem immer häufiger zur Illustration von Bibeldrucken verwendet, insbesondere die Reformatoren nutzten diese gerne für ihre neu übersetzten Bibeln, um so das Textverständnis zusätzlich zu erhöhen. Die Beliebtheit dieser Karten führte im ı7. und 18. Jahrhundert schließlich zu Serien, die in größer Stückzahl immer wieder kopiert oder variiert wurden. Trotz Luthers Einwänden hatte sich die Motivation für eine Reise an die heiligen Stätten der Bibel seit der Reformation auch für Protestanten nicht verändert: Pilger suchten nach„sichtbare[n]. materiche[n] Spuren des Irühen Christentums”. Zudem interessierten sie sich vor Ort für die Ostkirchen, da protestantische Theologen in ihnen die Überreste einer christlichen Urkirche sahen, die nicht den Einflüssen der römisch-katholischen Kirche ausgesetzt waren."So kann man für die Frühe Neuzeit durchaus von einer Verschmelzung von Pilger- und Orientreise sprechen, Auch Alexander Schunka konstatiert in einem Aufsatz, dass tür Pro
testanten der„Weg zum wahren Glauben und zum