Reisebeobachtungen Da Mildes Reise-Journale nicht mehr vorhanden sind, stellt sich die Frage, ob dort womöglich ausführliche Beobach­tungen über Land und Leute zu finden gewesen wären, Auffallend dürftig fallen nämlich in dieser] Hinsicht Mildes Notizen in seinen Büchern aus. Er beklagte zwar immer wieder das Schicksal der Böhmen, konkrete Beschreibun­gen ihrer Lebensumstände finden sich aber selten. Bei seiner ersten Reise in katholisches Gebiet fielen ihm die Kruzifixe auf, später beobachtete er eine katholische Prozession, Doch erst im Rückblick beschrieb er die bedrohliche Si­Wation der protestantischen Böhmen, nämlich in der Vor­rede Zu seinem Opus Magnum Armamentarium Davidicum, das zwar als Manuskript vollständig überliefert ist, aber nie gedruckt wurde. Wenn ich an die elenden Leute in der Römischen Kir­che gedencke, welche in blindem Eifer so viele Böhmi­sche und andere Bibeln verbrannt haben, so möchten mir die Haare zu Berge stehen. Als ich vor 20 Jahren zu Fraurecuth in Böhmen war, erzchlte mir des Wirts Sohn, es habe vor einigen Tagen ein Handwercksbur­sche seine Bibel in selbigem Wirts-Hause liegen kassen, und nach etlichen Tagen kömmt der Pater herein, und wie er dieselbige gewahr wird, spricht er, das sev ein Ketzerisch Buch, spaziret die Stube auf und nicder und reißet inzwischen ein Blatt nach dem andern aus der Bibel, daß dieselben in der Stube herumfliegen. Buchbesitz, das dürfte den bibliephilen Heinrich Milde schr beeindruckt haben, stellte einen wesentlichen Grund für die Verfolgung der Krypto-Protestanten in Böhmen dar.

Denn die protestantischen Schriften standen auf dem Index

Ibrorum prohibitorum der katholischen Kirche, so dass den

Besitzern die Inhaftierung, den Büchern selbst die Vernich­tung drohte, Diese grundlegende Erfahrung beeinflusste später die umsichtige Verteilung der von Milde in Halle

zum Druck beförderten Bücher in tschechischer Sprache.

Begegnungen mit böhmischen Exulanten Die persönliche Begeenung Mildes mit böhmischen kxu­lanten erfolgte weniger auf Reisen, sondern an seinem Le­

bens- und Wohnort in Halle. Dort lernte er den bereits ae­

nannten Mate) Macek kennen, einen so Steinmetzda­mals unter die Wavsenkinder recipirten gebornen Böh­men, der aus Neustadt bei Königerätz(Hradec Kradlove) stammte, mit seiner Familie nach Niederschlesien ausge­wandert war und in Halle studierte,* Milde ging mit ihm eine enge Arbeitsgemeinschaft ein und gewann ihn für die Übersetzung pietistischer Traktatliteratur ins Tsche­Chische, wodurch Halle zum wichtigsten Druckort tsche­Chischer Bücher wurde, Offensichtlich sprach sich Mildes Interesse für die Böhmen in Halle herum und auch vorü­berechend in Halle anwesende Böhmen wurden mit Milde bekannt gemacht, Beispielsweise notierte Milde i717 in sein Exemplar des Calendarium Historicum: dd. 5 Jul. 57, Ging ich mit Herrn Walramo Luttern so bißhero in Böhmen bey einen Catholischen Graffen Hoff-Prediger gewesen, und jetzt die kvangelische Lau­terckeit in der Wahrheit erkennet, nach dem Waysen­Hause in der Sing Stunde, woselbst d Herr Pastor Frev­lineh. die Worte Christi Joh. 17.4. erklärete|...)[Dieser] reisete des folgenden Tages nach Jena. Fine direkte Kontaktaufnahme zu den Exulanten in Ves Panne und Großhennersdorf ist nur ansatzweise aus den Quellen zu erkennen, Die Begegnung lief über Kontakt­personen, wie den Pastor Ventzcke aus Barby, die zu den Anhängern des Halleschen Waisenhatuses zählten und in dessen personcelles Netzwerk einbezogen waren, Milde be­reitete seine Reise nach Ves Panc vor und bat Ventzcke im Vorfeld, etwas über die Siedlung und das Schicksal der Ge­meinde mitzuteilen, Ventzcke schrieb ihm im März 1720: Nach dem Westfälischen Frieden habe Ferdinand HL(1608 16357) die Ausübung der Religion, Wie Sie 19624 2eWesSeN Sei, wieder angeordnet, Darauf seien diese Böhmen, die aus ei­nen Ort ıS Meilen von Prag entfernt stammten, aus ihrem Vaterland geflohen, erst nach Schlesien, dann nach Halle

gezogen und hätten dann den Platz im Barbeschen erhalten,

da sie sich denn Anfangs elendielich in Hütten beholften.

Einige seien Wieder in ihre Heimat zurückgegangen und vom protestantischen Glauben abecefallen.

Diejenigen, die in ihrer neuen Gemeinde Ves Panne blie­ben, sorgten dafür, dass eine Kirche erbaut wurde,Worzu

die Böhmen das Holtz und die Kosten im Lande zusam­