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I. Biographisches

äusserlichen nichts gewisser anzuzeigen, als mein Studium theologicum, welches ich so gar nur ins wissen und in die bloße vernunfft gefasset, daß ich vermeynete ich könte die Leute unmüglich damit betriegen, noch mich in ein öffentl. amt stecken lassen, den Leuten vorzusagen, was ich selbst nicht in meinem Hertz überzeuget wäre. 140 Ich lebte noch mitten unter weltlicher Gesellschafft war mit Anlockungen zur Sünde um und um begeben. Darzu kam die lange (224 a ) Gewohnheit, aber des alles ungeachtet, war mein Hertz von dem allerhöchsten Gott gerühret, mich für ihm zu demütigen, ihn um Gnade zu bitten, und offtmahls auff meinen Knien anzuflehen, daß er mich in eine andere Lehensbeschaffenheit setzen, und zu einem rechtschaffenen Kinde Gottes machen wolte. Es hiesse nun bey mir (aus Ehr. V, 12 p.) die ihr sollet längst meister seyn, bedürfft ihr wiederumb, daß man euch die ersten Buchstaben der göttlichen wort lehre, und daß man euch milch gebe und nicht starcke Speise. Denn ich hatte ungefehr 7 Jahr theologiam studiret, wüste ja wol was unsere thesis war, wie sie zu behaupten, was die Adversarii dagegen einwanten, hatte die Schrillt durch und wieder durch gelesen, ja auch von andern libris practicis nicht wenig, aber weil dieses alles nur in die vernunfft und ins Gedächtniß von mir gefasset, und das wort Gottes nicht bey mir ins Leben verwandelt war, sondern ich hatte den lebendigen Saamen des Worts Gottes bey mir ersticket und unfruchtbar seyn lassen, so muste ich nun gleichsam auffs neue den anfang machen ein Christ zu werden. (224 b ) Ich fand aber dabey meinen Zustand so verstrickt, und war mit so mancherley Hindernissen und abhaltungen von der weit umgeben, daß es mir gienge als einem der in einem tieffen Schlamm stecket, und etwa einen Arm herfürstrecket, aber die Krafft nicht findet, sich gar loß zu reissen oder wie einem der mit Banden und Fesseln an Händen und Füssen und am gantzen Leibe gebunden ist, und einen Strick zerreisset, aber sich hertzlich sehnet, daß er von den andern auch möchte befreyet werden. Gott aber der getreue und warhafftige kam mir mit seiner Gnade allezeit zu vor, und bereitete mir gleichsam den weg ihm von Tage zu Tage gefälliger zu leben. Er hübe bald durch seine starcke Hand die schwersten äusserlichen Hinderungen, daß ich deren auch ohne vermuthen entladen wurde, und weil er zugleich mein Hertz änderte, ergriff ich mi t. Begierde alle Gelegenheit ihm eifferiger zu dienen. In solchem zustande war ich gleichsam in der Demmerung, und als hätte ich einen Flor für den äugen. Ich hatte gleichsam einen Fuß auff die Schwelle des Temf 225 a Jpels gesetzet, und ward den­noch von der so tieff eingewurtzeiten weit Liebe zurücke gehalten, nicht vollends hinein zu gehen. Die Überzeugung war sehr groß in meinem Hertzen, aber die alte Gewohnheit brachte so vielfältige Übereilungen in Worten und wercken, daß ich daher sehr geängstet war. Hiebey war dennoch ein solcher Grund in meinem Hertzen, daß ich die Gottseeligkeit sehr liebte, und ohne falsch gar ernstlich davon redete, und guten Freunden meine Intention hinfüro Gott zu Ehren zu leben ernstl. bezeugte, so daß ich auch wol von einigen für einen Eiffrigen Christen gehalten ward, und mir nach der Zeit gute Freunde bekennet, daß sie eine merckliche änderung bereits in solcher zeit an mir gespüret hätten. Ich aber weiß wol, und ist Gott dem Herrn nicht unbekannt, daß der Sinn dieser weit damahls noch die Oberhand bey mir gehabt, und daß das Böse so starck bey mir worden als ein Riese, dagegen sich etwa ein Kind aufflehnete. Wer wäre elender gewesen als ich, wenn ich in solchem zustande blieben wäre, da ich mit der einen Hand den Himmel mit der andern die Erde ergriffe, Gottes und der weit Freundschafft zugleich gemessen (225 b ) wolte, oder doch bald dem einem, bald dem andern wiederstrebete, und es also mit keinem recht hielte. Aber o wie groß ist die Liebe Gottes die er in Christo Jesu dem menschlichen Geschlecht erzeiget

110Solte... überzeuget wäre: Zusatz am Bande.