1. August Hermann Franckes Lebenslauf [1690/91]
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hat! Gott warff mich nicht weg um meines tieffen Verderbens willen, darinnen ich gestecket hatte, sondern hatte Geduld mit mir und halff meiner Schwachheit auff, daß ich dennoch den Muht nicht sincken ließ, sondern noch immer hoffte ich würde besser durchbrechen zu einem warhafftigen Leben das aus Gott ist. Ich habe an mir recht erfahren, daß man nicht Ursache habe, sich über Gott zu beklagen sondern daß er bereit sey Thür und Thor auffzuthun, wo er ein Hertz findet, daß es redlich mit ihm meynet, und sein angesicht ernstlich suchet. Gott ist mir allemahl gleichsam vorgegangen, und hat die Klötzer und plöcke aus dem wege gehoben, damit ich überzeuget wurde, daß meine Bekehrung nicht mein, sondern sein werck wäre. Gott nahm mich gleichsam bey der Hand und leitete mich wie eine Mutter ihr schwaches Kind leitet, und so groß und überschwenglich ( 226 a ) war seine Liebe, daß er mich auch wieder ergriffe, wenn ich mich von seiner Hand loß gerissen hatte, und ließ mich dafür die ruthe seiner Züchtigung wol fühlen.
Er erhörete auch endlich mein Gebeth darinnen, daß er mich in einen freyen und ungebundenen zustand setzte, da ich mit der weit nichts oder doch so wenig zu schaffen hatte, daß ich mit gröstem Unrecht über äusserliche Hindernisse und abhal- tungen meines Christenthums würde geklaget haben. Denn Gott fügte es, daß ich Leipzig, da mich noch immer diese und jene Hindernissen gefangen hielten, verlassen muste, in dem er meines Vettern D. Gloxini Hertz dahin gelencket, daß er mir das Stipendium Schabbelianum wieder reichete, und, weil er mit allem Ernst verlangete, daß ich das Studium exegeticum für allen Dingen prosequiren solte, mir nach Lüneburg zu reisen aufftruge, umb daselbst mich Hn. Sandhagens damahls Superint. zu Lüneburg, ietzo General-Superint. in Holstein, information in solchem Studio mich zu bedienen. 141 Dahin reisete ich also um Mich. 1687 . 142 und zwar ( 226 b ) mit desto größerer Freudigkeit, weil ich hoffete, durch solchen weg mich meines Haupt-Zwecks, nemlich ein rechtschaffener Christ zu werden, völliger zu versichern. Hier waren nun die äusserlichen Hindernisse vom lieben Gott gleichsam auff einmahl weggenommen. Ich hatte mein Stübchen allein, darinnen ich nicht verunruhiget, oder von iemanden in guten Gedancken gestöret ward, dazu speisete ich bey christlichen und gottseligen Leuten. 143
Ich war kaum hinkommen, so ward ich um eine predigt in der Johannis Kirchen daselbst abzulegen, angesprochen, und zwar eine geraume zeit vorher ehe die predigt sollen abgeleget werden. Nun war doch bereits mein Gemüth in solchem Stande, daß ich nicht die bloße Übung im predigen, sondern fürnemlich die Erbauung der Zuhörer abzielete. In dem ich nun drauff bedacht war, gerieth ich über den Text: Dieses ist geschrieben, daß ihr gläubet, Jesus sey Christ, und daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen. Joh. XX, 31. Bey diesem Text gedachte
141 Caspar Hermann Sandhagen (1639—1697), ehemaliger Stipendiat der Schabbelschen Stiftung, seit 1672 Superintendent in Lüneburg, 1684 zum Generalsuperintendenten von Schleswig-Holstein berufen. Er konnte dieses Amt wegen der damals mit Dänemark bestehenden Streitigkeiten erst 1689 antreten.
142 Francke verließ am 19. Oktober 1687 Leipzig und besuchte auf seiner Reise Christian Scriver in Magdeburg (vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S. 29, Anm. 1).
143 Francke wohnte bei Gabriel Sandhagen, einem jüngeren Bruder C. H. Sandhagens, und speiste bei dem Konrektor Mezendorf. 1688 kam ebenfalls als Stipendiat der Schabbelschen Stiftung Hermann von der Hardt (1660—1746) nach Lüneburg (vgl. Lebensnachrichten, a.a. O., S. 61). Er ging dann mit Francke nach Hamburg, wurde aber bereits 1688 als Bibliothekar nach Braunschweig berufen und wirkte seit 1690 als Professor der morgenländischen Sprachen in Helmstedt. Er wandte sich später der Aufklärung zu (vgl. Kramer, Vier Briefe, S.25ff.).