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II. Schriften zur kirchlichen Reform
euch / die mir GOtt auff meine Seele gebunden hat / täglich frühe und Abends zu seegnen / und mit dem Worte der Warheit zu weiden / der ungezweifelten Zuversicht / GOtt der HErr werde solchen Segen euch nicht vergebens mit theilen / sondern seine reichen Früchte an der gantzen Gemeine tragen lassen. Daher ich auch nicht berge / daß es mir eine weit überschwenglichere Freude seyn würde / so ich
(311) an allen und ieden unter euch einen rechten Ernst wahrnehmen könte / euch mit mir im Gebet zu vereinigen / und gleichsam mit dem Früh- und Spat-Regen des Göttlichen Worts eure Seelen zu erqvicken. Ihr möchtet gedencken / das möchte euch an dem Zeitlichen und Irrdischen gar zu sehr versäumen; Ich aber bin dessen gewiß / daß solches euch mehr Yortheil als Schaden bringen würde. Bedencket nur recht / was ihr täglich betet: Der Mensch lebet nicht allein vom Brod / sondern von ieglichem Wort / das durch den Mund GOttes gehet, (y) Gläubetet ihr das von Hertzen / so würdet ihr euch dessen selbst schämen / so ihr umb des Zeitlichen willen das
(312) Ewige versäumen sollet. Es wird aber niemanden unter euch eine Last auff- geleget / sondern ob einer gleich mit Widerwillen und Verdruß / oder doch um das äusserliche Werck zu thun / ohne dem wahren Grunde des Hertzens allemahl dem Gottes-Dienst beywohnete / so wäre doch solches nichts / als ein Greuel für GOTT. Das wünsche ich aber / daß euer aller Hertzen die Nothwendigkeit des Gebets recht erkennen / und die Krafft des Göttlichen Worts / sambt der Liebe Christi in ihren Hertzen recht empfinden möchten / daß sie aus hertzlicher Liebe zu GOTT und seinem Worte von sich Selbsten ein hert zliches Sehnen und Verlangen darnach hätten / sich mit (313) andern gläubigen Christen im Gebet für GOttes Angesicht zu verbinden.
§. 114. Daß in der ersten Kirchen der Glaube und das Leben der Christen so heilig geblühet / erachte ich eine grosse Ursache diese zu seyn / daß sie nicht allein in ihren besondern Gebeth ein ieder vor sich gewachet / sondern auch mit zusammen gesetzter Andacht sich täglich untereinander erwecket und ermuntert. Daher denn ihre Hertzen in wahrer Bruder-Liebe untereinander verbunden / einer durch des andern Exempel im Glauben gestärcket / und im Leben immer gebessert worden; Und ist gar merck- lich / daß auch der Heyde Plinius dem Heydnischen Kayser Traf 314 Jjano diese sichere Nachricht von den Christen gegeben / daß sie sich zu gewisser Zeit mit einander / als mit einem Eid-Schwur verbünden / denen Lastern / die in der Welt im Schwange giengen / von Hertzen abzusagen, (z) Soll nun unser Christenthum dem jenigen / das die ersten Christen geführet haben / wiederum!) ein wenig ähnlich werden / so ist zum allerhöchsten von nöthen / daß man sich wiederumb lerne im Gebeth mit einander ernstlich / und als für GOttes Angesichte zu vereinigen. Das ist es / und nichts anders / was David so hoch preiset / wenn er spricht: (a) Siehe / wie fein und lieblich ist es / daß Brüder einträchtig bey einander (315) wohnen. Wie der köstliche Balsam ist / der vom Haupt Aarons herab fleußt in sein Kleid : Wie der Thau / der von Hermon herab fällt auff die Berge Zion / denn daselbst verheist der HErr Seegen und Leben / immer und ewiglich. Da lehret David / daß solche Vereinigung der Kinder GOttes so wohl nützlich / als lieblich und angenehm sey; Lieblich wie ein köstlicher Balsam / ja wie ein Balsam GOttes / der mit seinem herrlichen Geruch alles auffs
(y) Matth. IV, v. 4. (z) (1. 10. ep. 97.) 15 (a) Psal. 133. (b) Matth. XIIX, v. 19.20.
15 C. Plinius d. J. (etwa 61—113), Statthalter in Bithynien unter Kaiser Trajan (98—117). Sein Brief an Trajan (epistulae X, 96) gibt auch einige Notizen zum gottesdienstlichen Leben der alten Kirche. •