I. Glauchisches Gedenkbüchlein, 1693

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anstössig fürkommen wolte / und deswegen von der damahligen Churfürstlichen Commission, bey welcher auch dieser Bet-Stunden wegen einige Beschwerungen ein­gegeben wurfdOS,) den / die Sache dahin eingerichtet wurde / daß ich vor der Mahl­zeit des Abends / um allen Anstoß zu vermeiden / solche Betstunden anstellen möchte. 13 Worauf ihr denn bald noch grossem Eyfer bewieset als zuvor / und viel häuffiger solche vor der Abendmahlzeit angestellete Bet-Stunden besuchetet / biß endlich nachdem solches zwey biß drey Monat auff diese Weise im Hause fortgesetzet worden / und nicht wenige unter euch ihre gute Erbauung durch dieselbigen bezeuget hatten / von einem hochlöblichen Consistorio des Herzogthums Magdeburg beliebet wurde / daß ich solche meine Bet-Stunden in die öffentliche Kirche verlegen möchte / da ich denn euren Fleiß auch ( 306 ) noch bißhero zu rühmen habe / daß ihr solche noch fleissiger und stärcker als vorhero im Hause besuchet. 14

§. 113. Aus welchen allen ich dann zur genüge erkant habe / und auch ihr samt mir leicht erkennen werdet / daß die Hand GOttes alles also regieret und geführet habe / indem ich nichts dazu gethan / als daß ich meine Schultern (gestärckt durch die Gnade GOttes) solcher Last niemahls begehret zu entziehen / noch mein Gewissen damit beflecken wollen / daß ich euch die Weide des Göttlichen Worts versagete / oder auff irgend einige Weise den Lauff eures Christenthums / wenn euch GOtt dazu erwecket / hinderte. So zweiffle ich auch nicht / es werde ( 307 ) solch unser armes Gebet / das wir täglich für GOtt ausschütten / eine Gnade und einen Segen nach dem andern von GOtt ausbitten / und so ihr / welche GOTT biß anhero dadurch kräfftig- lich erwecket und gestärcket hat / nicht müde werdet / noch ablasset / auch andere / die noch zur Zeit solche grosse Gnade und Liebe GOttes / die Er an der gantzen Gemeine beweiset / mit kaltsinnigen Hertzen ansehen / nach und nach ermuntert und erwecket werden / der guten und überflüßigen Gelegenheit sich zu erbauen / und im Glauben an GOtt zu stärcken / mit grösserm Ernst und Eyfer wahrzunehmen. Habe ich nun bißanhero mannichmahl mit betrübten Hertzen darüber ( 308 ) seufftzen müssen / daß so manche liederliche Sauff- und Spiel-Gesellschafften an Sonntagen und Werckel-Tagen zu grossem Aergerniß der Gemeine gehalten worden: So gläube ich / daß auch GOTT dißfalls mein Seufftzen auffs gnädigste erhöret / und mir eine wahrhaffte und Göttliche Freude eben dadurch erwecket / daß ich selbst mit Augen sehe / daß GOttes Wort in eurem Hertzen kräfftig wird / und ihr ie mehr und mehr in dem Glauben an den HErrn JEsum zu der wahren Furcht und Liebe GOttes erwecket werdet. Der HERR mache euch immer völliger / daß ihr in keinem Stücke Mangel habet! Bedencket es selbsten / Meine Liebsten Pfarr-Kinder / wenn ( 309 ) wir uns täglich Frühe und Abends also mit einander vereinigten mit Loben und Dancken / mit Beten und Singen / mit Lehren und Ermahnen. Welche Gnade GOttes würde unter uns auffgehen! Welchen Nutzen und Frucht würden wir täglich davon spüren! Welcher Trost / Freude und Süßigkeit würde dadurch in unser gantzes Leben / und in all unserm Thun und Fürnehmen sich Stroms-weise ergiessen! Welche Liebe / Friede und Einigkeit würde unter uns erwachsen! Wie würde noch so manche Un­ordnung / damit GOtt im Himmel noch erzürnet wird / so gar leichtlich dahin fallen! 0 der HERR lasse es euch erkennen / daß ihr sein ( 310 ) Gnaden-Angesicht / welches Er zu euch gewendet hat / nicht verschmähet. So werdet ihr immer und ewiglich seyn die Gesegneten des HERRN. An meinem Orte kan ich euch wohl von Hertzen versichern / daß es mir eine rechte süsse Arbeit ist / mit und für euch zu beten / und

13 Es handelt sich um die Kommission vom Herbst 1692, vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S. 117f.

14 Seit dem 18. Februar 1693, vgl. Franckes Brief an Spener bei Kramer, Beiträge, S. 290f