2. Kurzer und einfältiger Entwurf von den Mißbräuchen des Beichtstuhls, 1697

Bereits in den ersten Jahren seiner hallischen Wirksamkeit hat sich Francke um eine Verbesserung der damaligen Beichtpraxis bemüht (vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S.107; vorl. Ausg., S. 58). SeinEntwurf von den Mißbräuchen des Beichtstuhls erschien 1697 während des Kampfes, den Johann Caspar Schade, sein Freund aus der Leipziger Zeit, wegen der Frage des Beichtstuhls in Berlin entfacht hatte. Wahr­scheinlich hat diese Auseinandersetzung die Veröffentlichung der Schrift veranlaßt (vgl. Weiske, a.a. O., 26, 1930, S.124, 127; Kramer, Beiträge, S. 363ff.). Im Brief­wechsel Franckes mit Spener, der durch die Angriffe Schades in erhebliche Be­drängnis geraten war, wird die Schrift nicht erwähnt. Am Schluß des Jahres, nach einem fast drei Monate langen Schweigen, hat Spener nur kurz angedeutet, daß bei ihm in dieser Frage auch gegenüber Franckedas vertrauen sehr geschwächet ist (Kramer, Beiträge, S. 378).

Francke faßt in dieser Schrift seine Vorwürfe gegen den Mißbrauch des Abend­mahls und der Beichte zusammen. So bildet der Traktat eine Ergänzung zum Glauchischen Gedenkbüchlein, in dem diese Fragen ausgeklammert worden waren, und weist auf Punkte hin, in denen Francke eine Reform der Kirche für be­sonders dringend hielt (vgl. die PredigtVom unverantwortlichen Mißbrauch des Heil. Abendmahls in der Evangelischen Kirche aus dem Jahre 1699, SFA I, 639ff.). 1702 nahm Francke den Entwurf ohne wesentliche Änderungen in den Sammelband Öffentliches Zeugnis auf (WWD IV, 153178). Weitere Auflagen sind nicht nach­weisbar.

Wir geben im folgenden den Text nach dem Erstdruck wieder. Zum Verständnis der Probleme vgl. K. Aland, August Hermann Francke und die Privatbeichte, in: Monatsschrift für Pastoraltheologie, 1956, S.272ff.; ders., Die Privatbeichte im Luthertum von ihren Anfängen bis zu ihrer Auflösung, in: Kirchengeschichtliche Entwürfe, S. 452 ff.

Kurtzer und Einfältiger Entwurff / Von den Mißbräuchen Des Beichtstuhls / Heraus gegeben von M. Aug. Hermann Francken /

Gr. & 00. LL. P. P. & Past. Glauch.

HALLE / Druckts Christoph Saalfeld. 1697.

(3*) Geliebter Leser!

ES ist die Sache vom Beichtstuhl und dessen Mißbräuchen / GOtt lob! auff die Bahn gebracht. Das ist die Angst- und Marter-Banck aller treuen Knechte GOttes: Gleichwie es hingegen der Teuffel zu einer lustigen Zoll-Bude gemacht für die Miethlinge und Bauch-Diener. Von dem / was ich dabey für Angst und Kummer geschmäcket / und wie viel mir Greuel dabey fürkommen / hätte ich wol ein grosses Buch zu schreiben. Auch könnte ich zu anderer Stärckung viel (4*) schreiben / wie mich GOtt auffgerichtet / und was Er mir vor Sieg gegeben / indem ich mein Gewissen dabey unbefleckt zu behalten getrachtet. Weil mir aber GOtt täglich so viel unter die Hände giebet / daß ich zum Bücher- Schreiben nicht viel Zeit habe: so gebe ich / was vor der Hand ist / nehmlich diesen geringen und unausgearbeiteten Entwurff von den gemeinesten Mißbräuchen des Beicht-