2. Von den Mißbräuchen des Beichtstuhls, 1697

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Stuhls; weil zum, Zeugniß der Wahrheit mehr nicht als ein einfältiges Bekenntniß der­selben erfordert wird. GOtt lasse auch dieses Geringe an Beicht-Vätern und Beicht- Kindern geseegnet seyn / daß sie rechte Väter und rechte Kinder werden. Amen.

(5) J.N. J.

Die Mißbräuche / welche sich im Beichtstuhl finden / sind theils an Seiten der Beicht- Kinder / theils an Seiten der Beicht-Väter.

Mißbräuche an Seiten der Beicht-Kinder.

AN Seiten der Beicht-Kinder lauffen viel Mißbräuche vor wegen der Beicht-For- mul / welche der seel. Lutherus nmb der Einfältigen willen in den Catechismum ge- setzet j 1 damit sie etwan möchten sehen / was die Beichte sey / (6) und lernen einiger maassen ihres Hertzens-Grund vortragen: Bey welcher Formul hernach nicht nur die Einfältigen / sondern auch die Gelehrten geblieben.

Hierbey findet sich (I) dieser Mißbrauch / daß die Leute / wenn sie die Beicht- Formul erst lernen / nicht auff den Verstand gewiesen werden / sondern bloß allein die Worte / welche sie doch nicht verstehen / auswendig lernen. (II) Lernen sie es auff eine gantz Unrechte Art / welches zu verhüten man ihnen die Beicht-Formul entweder recht auslegen sollte / oder sie gewähnen / daß sie mit ihren eigenen Worten beten / und hernach auch eben so die Bekenntniß ihrer Sünden selbst ablegen 1er- neten. (III) Schicket sich die Beichte nicht allezeit auff ihren äusserlichen Zustand. Z. E. (7) Wenn sie die Beichte / welche auff ihre Kindheit gerichtet war / noch in ihrem Alter hersagen. (IV) Können sie damit den innerlichen Zustand ihres Hertzens nicht recht eröffnen / und müssen also auch des Trosts und Raths / welchen sie bey einem getreuen Seel-Sorger alsdenn gemessen könnten / entbehren / und vergessen darbey dessen / was Lutherus selbst im Catechismo gesaget hat: Vor dem Beichtiger sollt du allein die Sünde bekennen / die du weissest und fühlest im Hertzen. 2 Denn obgleich ein Prediger nicht alle Sünden der Leute wissen muß / so muß er doch in so weit von dem Zustande der Pfarr-Kinder Nachricht haben / daß er ihre Wunden heylen / und also auch die Artzney recht darauf! attemperiren könne. (V) Sagen sie wegen solcher angewähn(SJten Formul viel Dinge / daran sie wircklich unschuldig sind / und dafür man sich entsetzen muß: Welche sie denn auch selbst läugnen / wenn man sie ihnen hernach wieder vorhält. (VI) Werden sie unwillig / wenn man etwas an ihrer Beicht-Formul erinnert / sagen wol / sie seyn schon so alt worden / und haben keine andere Beichte gehabt / und nun in ihren alten Tagen sollten sie anfangen / und eine andere Beichte lernen: Oder / sie hätten schon ihr Lebtage so viel Beicht-Väter gehabt / und habe keiner wider ihre Beichte etwas zu sagen gehabt / als eben dieser. (VII) Fürchten sie sich / wenn sie zur Beichte gehen / sie möchten die Formul nicht recht mehr wissen / und wenn ihnen etwas entfällt / so ängstigen sie sich / und mey- nen / sie könnten nicht würdig zum Heil. Abendmahl gehen. (VIII) Sagen sie in (9) solcher Beicht-Formul viel / das sie selbst besser erkennen / nur / weil sie es so gelernet haben. (IX) Haben die / so die Beicht-Formuln gemacht / offt selbst nie /

1 Vgl. die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Berlin 1955, Bd.2, S.518f.

2 Vgl. a.a.O., S.517.