3. Projekt zu einem Seminario universali, 1701
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etwas angerichtet werden sollen, wie bey dem Hütten- und Tempel-Bau zu sehen, 16 womit Er uns dann gelehret, diesen Ordentlichen Weg nicht ( 40 b ) zu verachten, einander zu reitzen zur Liebe und guten Wercken. Zwar hat man wegen der großen Boßheit der Welt billig alle Behutsamkeit zu brauchen seinen Zweck nicht jederman vor die Augen zu legen, dieweil durch solche, auch wohlgemeynte, Offenhertzigkeit, manchmahl die allerbeste Intention hintertrieben wird; und ist in so weit viel sicherer nur dahin zu trachten, daß man die Sache selbst im Werck darstellen möge, ehe man viel Redens darvon machet. Denn wenn die Sache da ist, muß sie von manchem gelobet werden, der Sie wohl vorhin selbst würde gehindert haben. Wenn aber diese Behutsamkeit dahin extendiret wird, daß man auch diejenigen nichts davon will wissen lassen, welche so willig als vermögend sind die Hand mit ans Werck zu legen, und mit allen Freuden an aller darunter anzuwendenden Sorge und Mühe participiren, so würde man das gute, so man intendiret, an statt anderer, selbst verhindern.
( 41 *) VIII.
Demnach ist dieses der Zweck gegenwärtigen Projects die Sache selbst, wie Gott zum theil den Grund dazu geleget, und wie sie zum theil noch im Gemüthe lieget, in aller Einfältigkeit darzustellen, und solche Darstellung keinen andern als solchen Personen vor Augen zu legen, welche von Gott gewürdiget sind, sowol das allgemeine Verderben und dessen Ursache recht einzusehen, als nach einer Verbesserung zu seufftzen und so viel an Ihnen ist darzu zu cooperiren: zu welchen man dann der völligen Zuversicht lebet, daß Sie den Innhalt dieses Projects dergestalt in Ihrem Hertzen verschlossen bewahren werden daß sie denselben weiter nicht eröffnen als wo ihnen Gott Gelegenheit an die Hand giebet, den intendirten Zweck zu secundiren. 17 Wie es denn auch die Meynung nicht hat, daß auff einmahl alle, zu einen so wichtigen Werck erfoderte schwere Unkosten vorhanden seyn müssen, sondern wie in dem bißherigen vom Geringen ( 41 b ) der Anfang gemachet, und immer weiter gegangen worden, also könt es dann auch mit dem Großem gehen. Wie mancher hat zu seinem Großen Guth lachende Erben, und möchte durch einen Verständigen Mann wol zu disponiren seyn, es zu so vieler Seelen Heyl und Wohlfarth anzuwenden, und sich also dessen ewig mit zu erfreuen? Wie mancher hat viele Jubelen, Perlen, köstliche Steine, Ringe, Ketten und andern Geschmuck, so Er entweder gar unnütz liegen hat, oder zur blossen Eitelkeit an seinem Leibe träget, den vielleicht ein verständiges Wort erinnern könte, daß Er klüglich handelte, solches zu verleugnen, in der Liebe den Gliedern Christi auffzuopfern, und an statt dessen, desto herrlicher im Himmel zu gläntzen. Wie mancher hat so viele Silberne und Güldene Gefäß, die kaum jemahls ans tages Licht kommen? Wäre es nicht besser dafür dessen Angehörige zu träncken, welcher auch nicht einen kalten Trunck Wassers unbelohnet lassen will?
Wie mancher wendet ein übriges auff köstliche Speisen, kostbahre Kleydung und viele Diener, der wol einen theil davon auff Zubereitung der Diener Christi zum Heil vieler tausend Seelen wendete, wenn er überzeuget würde von dem herrlichen tractament Kleydung und Gesellschafft, so solche Seelen haben werden, die aus Liebe zu dem Herrn Jesu die Gemächlichkeit des gegenwärtigen Lebens verleugnen.
16 Vgl. 2. Mose 25,1 ff.; 1. Chronik 29,lff.
17 Das Projekt wurde Spener und v. Canstein zugeleitet (vgl. Großer Aufsatz, S.24, 53 ff.; zur Geheimhaltung vgl. ebd., S.42).