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II. Schriften zur kirchlichen Reform
gewarten? Ja wann nun außer diesen noch jährlich so viel arme mit geistlicher Seelen-Pflege versorget, so viel Kinder wohl erzogen, und beydes jene und diese zum Werck des Herrn zubereitet würden, was würde auch darauß für eine außbreitung alles guten in kurtzer Zeit zu gewarten seyn? Und würde dann nicht ein solches Werck gleichsam cymbalum mundi 14 werden, als eine Stadt die auff dem Berge lieget iederman in die Augen fallen, und also dieses Exempel selbst andere zum nacheifern reitzen? Wie denn der geringe anfang welcher dazu gemachet ist schon viele zu einer gottseligen (39°) Nachfolge gereitzet, also daß einige längst in abgang gekommene Stifftungen renoviret und in Schwang gebracht, und neue Anstalten beydes zu Erziehung der Jugend und zu Verpflegung der armen hin und wieder angerichtet worden, z. e. zu Königs-berg in Preußen, zu Stargard in Pommern, in Bautzen, Sittau, Erflurth, zu Lemgo, Pyrmont, Wildungen etc. zu geschweigen was es sonst für Erweckung in manchen Schulen, auff universitaeten, im Predigamt, und in der privat- Erziehung der Jugend gegeben, sich der Seelen mit mehrerem Ernst anzunehmen; und wie sich in Holland, Engeland, Schweden, Lieffland, Moscau die Früchte ausgebreitet. Was würde dann nicht von einem völlig eingerichteten Werck und gleichsam einer Stadt Gottes für Segen zu gewarten seyn?
VII.
Nun ist man zwar im Glauben zur Gnüge versichert, daß Gott von dem bereits angelegten Werck seine Hand nicht abziehen, sondern es ferner herrlich seegnen und zu Seines Nahmens Ehre hinaus führen wird. Der so viele Schwierigkeiten und so mancherley (39 b ) harte Prüfungen, so sich dabey ereignet, bißhero hat überwinden helffen, der wird auch ferner Seinen Götti. Beystand nicht versagen. Denn Er ist getreu, und lässt seine Gnade und Barmhertzigkeit bey uns Menschen immer größer werden, so wir nur nicht durch Unglauben uns derselbigen verlustig machen. Der aber den Glauben zu des Wercks Grundlegung verliehen, der wird Ihn auch zu dessen Fortführung zu stärcken wissen. Man mag auch sicherlich sagen, daß vor 6. Jahren es noch viel unglaublicher und unwahrscheinlicher würde gewesen seyn, daß in so kurtzer Zeit, und von so gar geringen Anfänge das Werck so weit kommen sollte, wie es doch nun der Augenschein giebet, als es etwa nunmehro der Vernunfft unglaublich Vorkommen kan, daß auff diesen gelegten Grund in wenig Jahren ein Seminarium Universale von weit grösserer Extension und viel besserer Einrichtung erbauet werden solle. Alldieweil aber auch das bißherige Gute Gott durch Mittel gethan hat, so ist nicht ungereimt, sondern vielmehr Seinem bißherigen Wege gemäß, daß auch das fol(40 a )gende und Wichtigere durch ordentliche Mittel geschehe. Nun ist kein ordentlicher Mittel, als dieses, daß man seine auff Gottes Ehre zielende gute Intention mit solchen Personen communicire, welche es zu einem Theil ihrer angelegen- heiten zu machen würdigen mögen. Alß hieselbst die ersten Gedancken von Anrichtung eines Waysenhauses über einer Mahlzeit eröffnet wurden, fand sich sofort eine Person, welche 500. Thlr. dazu destinirte. 15 So ist es auch mehrmahls ergangen, daß die Bekantmachung hiesiger Anstalten zu einer milden Beysteuer Gelegenheit gegeben. So lange auch die beste Gemüther nicht wissen, worauff eine Sache angefangen sey, und was man vor intention habe, wie können sie beytreten dieselbige zu secundiren, es sey denn, daß Gott gantz durch auser ordentliche Mittel gehen wollte? Gott hat selbst das Volck zur willigen Beysteuer eingeladen, wenn zu seinem Dienste
14 „Schallbecken (Zimbel), das die ganze Welt durchtönt“. Vgl. C. Plinius d. Ä. (f 79 n. Chr.), Naturalis historia, praefatio § 25.
15 Vgl. Fußstapfen, vorl. Ausg., S. 34.