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III. Pädagogische Schriften
meiste / und ist derowegen bey denen / die selbst nichts bessers erkennen / in grossem Ansehen. Aber ohne einer wahren und gründlichen Gottseligkeit ist derselbe vielmehr ein höchstgefährlicher Strick / dadurch sich die Menschen selbst fangen / und in zeitliches und ewiges Verderben verwickeln / da im Gegentheil gewiß und unleugbar ist / daß ein guter natürlicher Verstand zu sehr grossen Nutz des Nechsten / und zur Beförderung der Ehre GOttes auffs herrlichste könne angewandt werden / wenn derselbe durch den Glauben geheiliget / und der Ehre GOttes allein gewidmet wird / und ein solcher natürlich-kluger Mensch sich nicht wegert / in die wahre und lautere Einfältigkeit CHristi einzutretten / als welcher sonst der Geist dieser Welt am allermeisten gehäßig ist. Wohl dem! der Christum wohl verstehet / wann er spricht: Ich preise dich / Vater und HErr Himmels und der Erden / daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast / und hast es den Unmündigen offenbaret: Ja Vater! denn es ist also wohlgefällig gewesen für dir. Matth. XI,25,26. Und was Paulus saget: Nicht viel Weise nach dem Fleisch / sondern was thöricht ist für der Welt / das hat GOtt erwehlet / daß er die Weisen zuschanden machet. 1. Cor. 1,26,27.
(156) XXI.
Alle Klugheit aber / es sey die falsche oder die rechte / ruhet auf 2. Haupt-Seulen / nemlich auff der Wissenschafft oder Erkäntniß / und der Erfahrung / mit diesem Unterscheid / daß jene diese beyden Stücke mißbrauchet / diese aber dieselben recht gebrauchet. Und ist die wahre Klugheit nichts anders / als das Auge im Menschen / dadurch der Mensch siehet / was zum besten dienet / und sich für Schaden hütet. Solche gehet nun nicht allein die Gelehrten an / sondern insgemein alle Menschen / sie seyn in welchem Stande sie wollen / daher auch hierinnen / nechst der Gottseelig- keit / bey denen Kindern ein wahrer Grund zu legen / damit sie in ihrem Leben klüglich handeln / GOtt setze sie in eine Art zu leben / wie Er wolle. Daraus dann auch folget / daß alle Begebenheiten und Zufälle / und alle Dinge / damit man im gemeinen Leben umgehet / dazu dienen müssen / daß ein verständiger Informator seine Untergebene zur Klugheit anweise. Ob nun zwar durch eine gründliche Anführung zur Gottseligkeit hiezu die Bahn gebrochen wird / mögen doch auch absonderlich nachfolgende Hülffs-Mittel nicht wenig beytragen / diesem besondern Zweck etwas näher zutreten. 40
40 Es folgt eine ausführliche Anweisung, wie Erfahrung und Aufmerksamkeit für die Erziehung fruchtbar gemacht werden können (vgl. WD I, 156—172; Richter, a.a. O., S.93 bis 112; Kramer, Pädagogische Schriften, S.56—71).