2. Unterricht zur Gottseligkeit und Klugheit, 1702
149
XIX.
Alle Klugheit / sie habe Namen / wie sie wolle / muß GOttes Ehre zum Ziel und Zweck haben / und muß alle andere Dinge brauchen / solchen heiligen Zweck zuerreichen. Wo sie etwas anders suchet / oder sich diesen oder jenen Neben-Zweck setzet / ist sie vielmehr Falschheit / Betrug / Heucheley und Arglist zunennen / als eine wahre Klugheit. Denn alle Weißheit (wie Syrach im Anfang seines Buchs anführet) ist von GOtt dem HErrn / und ist bey ihm in Ewigkeit. 38 Demnach muß sie auch wieder in diese Qvelle fließen / daraus sie geflossen ist. Wann man nun die Klugheit pfleget einzutheilen in Civilem & Ecclesiasticam, oder in die Welt- und Christliche Klugheit / ist leicht zuerkennen / daß sie einen Zweck haben / und abzielen müssen / oder daß jene nemlich die Welt-Klugheit keine Klugheit zu nennen sey. Darinnen aber kan der Unterscheid stehen bleiben / daß jene die irdischen sichtbaren Dinge / und die zur Erhaltung menschlicher Ordnung gehören / zur Ehre GOttes führet / diese aber mit geistlichen himmlischen und ewigen Dingen umbgehet. Sonst muß wahrhafftig alle Klugheit eine Christliche Klugheit seyn / sonst gehet es denen Welt- Klugen wie Pau(T50,)lus schreibet zun Römern am 1.22. Da sie sich für Weise hielten / sind sie zu Narren worden / und müssen endlich erfahren / daß die Göttliche Thorheit weiser seye / denn die Menschen sind. 1. Cor. 1,25. Weil aber weltliche ge- sinnete Menschen dieses nicht erkennen wollen / sondern vielmehr / wenn sie von zeitlichen Dingen zuhandeln haben / sagen dürffen: Was gehet dieses das Christenthumb und den Glauben an? So siehet man auch / wie GOtt ihren Rath zur Thorheit werden lasse / wie den Rath Ahitophels / 39 und sie wie mit Blindheit geschlagen werden / daß sie ihnen / in ihrer größesten Klugheit solche Dinge zwar / auff diese und jene Art und Weise / zu dieser oder jener Zeit auszuführen / in den Sinn nehmen / welche weder in ihrer Macht noch Gewalt stehen / aber / wenn es zur Ausführung kömmt / befinden sie / das die Umstände der Zeit / des Orts / der Leute / bereits gantz anders geworden sind / als sie sich vermuthet hatten / wenn sie anders selbst noch leben / zu der Zeit / da sie ihre so lang bedachte Anschläge werckstellig machen wollen. Dieses kömmt aber von GOtt und seiner allweisen Regierung / darauff die menschliche Klugheit am wenigsten ihre Gedancken richtet. Jacob. IV.13. &c. stellet solche weltkluge Leute mit lebendigen Farben dar: Wolanl die ihr nun saget: Heute oder Morgen wollen wir gehen j in die oder die Stadt / und wollen ein Jahr da liegen J und handtieren / und gewinnen / die ihr nicht wisset / was Morgen seyn wird. (Denn was ist euer Leben? Ein Dampjf ist es / der eine kleine Zeit währet / darnach aber verschwindet er) dafür ihr sagen sollet / so der HErr will / und so wir leben / wollen wir dieses oder das thun. Nun aber rühmet ihr euch in eurem Hochmuth j aber solcher Ruhm ist böse. Von solcher Welt-Klugheit sind alle Gazetten voll / daher man auch siehet / daß der Außschlag von dem allein-Weisen Gott gemeiniglich gantz anders gegeben wird / als da die Sache von den Welt-Klugen aufs Tapet gebracht worden. Zwar machens dieselben darinnen auch nach ihrer Gewohnheit / daß sie von denen Gläubigen die Wörter borgen / daß sie wol die Worte hinsetzen Volente DEO, wills GOtt / unterdessen folgen sie nicht dem göttlichen Rath / und sehen auff nichts weniger / als auff den göttlichen Willen / wiewol die Blindheit so groß ist / daß auch dieses von ihnen nicht erkant werden will / wenn es ihnen gleich fürgehalten wird / biß sie der Ausgang lehret / daß alle ihre im Unglauben gefassete Anschläge auff den Sand gebauet sind. (151) Der natürliche Witz thut gemeiniglich bey solcher menschlichen Klugheit das
38 Vgl. Jes. Sir. 1,1.
39 Vgl. 2. Sam. 17,1 ff. 11 Peschke, Francke-Werke