3. De Theologia Mystica, 1704

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und Rechtfertigung empfanget denn der Mensch in der Wahrheit den Geist JEsu Christi durch das Wort vom Glauben, oder durch das Evangelium, wie geschrieben stehet Gal. 3. v.2.

Wo dieses alles nun recht zum Grunde geleget wird, da ist der Mensch erst im Stande, mit gehörigem Nutzen das dritte Buch Johann Arndts vom wahren Christen­thum zu lesen. Da siehet er, was der Inhalt des 8ten Capitels an die Römer sey, und daß in demselben eben die Sache stehe, welche Johann Arndt in seinem gantzen dritten Buch tractiret hat. Und da kan er denn sehen, was das Christenthum auf sich habe in Absicht auf die Renovation, da er nun zum Ebenbilde GOttes soll erneuert werden. Er muß aufgewacht seyn, und gesehen haben, was er bisher für eine greu­liche (172) Satans-Larve an sich getragen, wie er in seiner Thorheit und Narrheit, in seinen Sünden und in seiner Eitelkeit hingegangen, und darin ein Greuel und Abscheu vor GOtt gewesen, wie schändlich er das Ebenbild und den Tempel GOttes ver­derbet, und hingegen dem Teufel so weit Raum gegeben, daß derselbe sein Bild und seine Wohnung in ihm hat. Er muß erkannt haben, er müsse einmal aus diesem Zustand errettet, und zu dem Ebenbilde GOttes wieder erneuert werden, oder er sey ein Kind des Todes und der ewigen Verdammniß, und werde das schreckliche Urtheil an jenem Tage hören: Gehet von mir , ihr Verfluchten, in das ewige Feuer! 15 Weil nun Christus den Menschen zum Heiland gegeben ist, so muß er seine Errettung in ihm suchen, und zwar also, daß ihm seine Sünden wahrhaftig vergeben, und nicht weiter zugerechnet werden, und daß er dagegen in Christo JEsu von GOtt zu Gnaden und zum Kinde angenommen, und hernach die Heiligung in ihm immer weiter fortgeset- zet werde, damit das Ebenbild GOttes wiederum in ihm verkläret werden könne, und das Reich GOttes, welches ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist, ie mehr und mehr in seinem Hertzen angerichtet und ausgebreitet werde.

Siehe, das ist es, was in dem mehr gedachten 8ten Capitel der Ep. an die Römer sonderlich vorgetragen wird, und wovon alle (173) rechte Mystici gehandelt haben. Denn ihre gantze Sache, wie auch schon zu Anfang gemeldet worden, ist diese, daß sie lehren, der Mensch müsse in seiner Seele wahrhaftig von dem Ebenbilde des Teufels befreyet, und zu dem Ebenbilde GOttes wiederum gebracht werden.

Nun das lasset uns dann zu Hertzen nehmen, und als einen köstlichen Grund in unsere Seelen legen. Die Zeit ist ietzo verflossen; ich gedencke aber künftig in dieser Sache fortzufahren, und dasjenige, wozu ietzt weiter geredet werden solte, hinzu­zufügen. Denn es kan die Sache nicht recht vorgetragen, oder verstanden werden, wo nicht das ietzo angeführte zum Grunde geleget wird. Daher man dasselbe so viel mehr bey sich zu ruminiren und zu überlegen hat, auf daß man zu künftigen Lection schon zubereitet sey, und sie mit desto mehrerm Nutzen anhören könne.

Ich kan aber nicht umhin, alle und iede, die zugegen sind, in dem Namen des Richters der Lebendigen und der Toden nochmals zu erinnern, daß sie auf sich selbst wohl acht haben, ihren Zustand vor dem Angesichte GOttes nach ihrem Gewissen, welches ein schneller Zeuge ist, wohl prüfen, und bedencken, daß man am jüngsten Tage vor Christi Richterstuhl erscheinen müsse, und Rechenschaft geben von allem, wie man gelebet, und wie man gehandelt hat bey Leibes Leben, es sey Gutes oder Böses. Da (174) wird man keinesweges mit seiner Thorheit und Eitelkeit können fortkommen; da wird man Christo keinen blauen Dunst vor Augen machen können; da wird auch nicht eigene Einbildung helfen, die man sich von seinem Christenthum gemacht; da werden keine hohe Concepten und Ideen, oder Bücher, die man gelesen hat, einem helfen: sondern es wird sich fragen, ob man wahrhafte Busse gethan, ob

15 Matth. 25,41.