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IV. Schriften zum Studium der Theologie

Gespenste, welche sich andere formiret haben, halten sie für was reelles, und in­zwischen ist kein Grund in ihrem Hertzen geleget. Mit solchen Leuten kan man so wenig zurecht kommen, als mit den Pharisäern und Schriftgelehrten. Die bildeten sich auch ein, sie wären sehend, sie hätten den Schlüssel der Erkentniß, sie wüsten alles, und könten von allem das Urtheil fällen, und also müste es ihnen ja nicht an der göttlichen Erkentniß fehlen. Aber unser Heiland sagt zu ihnen Joh. 9,41: Wäret ihr blind, so hättet ihr keine Sün(169)de, und so honte euch geholfen werden. Nun ihr aber sprecht: Wir sind sehend, so bleibt eure Sünde. Also verhält sichs auch mit solchen Theologiae Studiosis, welche Prediger werden, da sie selbst nicht zu GOtt bekehret, inzwischen es auch etwa bey den Controversien nicht allein gelassen, sondern auch solche Bücher gelesen haben, in welchen die Übung des inwendigen Christenthums beschrieben wird. Dieselben sind hernach nicht anders als Pharisäer, die sich düncken lassen, sie sehen, und sind doch elend, arm, blind und bloß, und sind ein Greuel vor GOttes Augen, die Christus ausspeyen wird aus seinem Munde, wie Oflfenb. Joh. 3,16. gesagt wird.

Das muß demnach, wie so oft gesagt ist, recht zum Grunde geleget werden, daß bey dem Menschen eine wahre Erkentniß so wol seiner Sünden als auch des Heilandes JEsu Christi sey. Weil aber die lebendige und wahre Erkentniß Christi ohne seinen Geist nicht erlanget werden kan, wie geschrieben stehet 1 Cor. 12,3: Niemand kan JEsum einen HErrn heissen ohne durch den heiligen Geist: so muß auch dieses noth- wendig erkannt werden, daß derjenige, welcher die Theologiam Mysticam recht tractiren will, des Geistes JEsu Christi müsse theilhaftig worden seyn. Wer den Geist Christi nicht hat, steht Röm. 8,9. der ist nicht sein. Den Geist Christi haben ist nun nicht etwa nur ein Concept, den man (170) sich vom Geiste GOttes macht. Es muß ja eine realität seyn, wenn es heisst: Ihr habt nicht einen knechtlichen Geist empfangen, daß ihr euch abermal fürchten müsset, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen, Abba, lieber Vater! 13 Eine reelle Gabe muß es ja seyn, wenn die Verheissung gegeben wird, daß der himmlische Vater den heiligen Geist geben wolle denen, die ihn darum bitten. 14

Also, sage ich abermal, muß denn derjenige, der Theologiam Mysticam tractiren will, ja des Geistes JEsu Christi theilhaftig worden seyn. Denn hat er denselben nicht empfangen; so ist es auch unmöglich, daß er sobrie in Theologia Mystica versiren könne. Es kan nicht seyn, daß er einen rechten Nutzen daraus schöpfen solte, sondern er braucht nur seinen eigenen Dünckel, gehet mit seiner natürlichen verderbten Vernunft in der Mystique hinein, und darnach will er alles nach demjenigen, was er in Theologis Mysticis gelesen, beurtheilen. Was sich nun mit demselben nicht reimet, das verwirft und darüber critisiret er; was aber seinem Bedüncken nach damit über­einkommt, das nimmt er an, und bleibt also ein blinder und elender Mensch.

Es muß demnach praesupponiret werden regeneratio & iustificatio, daß der Mensch durch den Geist GOttes wiedergebo('J77jren, und in Christo gerechtfertiget werde, und also eine wahrhaftige neue Geburt in ihm vorgegangen sey, durch welche er eine neue Creatur in Christo JEsu heissen könne, wie auch schon im alten Testament so davon geredet wird, als Ps. 51,12: Schaffe in mir, GOtt, ein reines Hertz, und gib mir einen neuen gewissen Geist. Und Paulus sagt: Es gilt nichts in Christo JEsu, ohne eine neue Creatur. Gal. 6,15. So muß auch wahrhaftig zum Grunde geleget seyn iustificatio, daß man die Gerechtigkeit Christi JEsu empfangen habe, die uns aus Gnaden zugerechnet und geschencket wird. In dieser Ordnung der neuen Geburt

13 Röm. 8,15. 11 Luk. 11,13.