Einführung

Francke verfolgte mit seiner Reform des theologischen Studiums in erster Linie das Ziel, die Heilige Schrift wieder in den Mittelpunkt der theologischen Arbeit zu stellen. Es ist die Konsequenz seiner eigenen Studienerfahrung, die ihn von der Philosophie und Dogmatik zur Philologie und Exegese führte. Im Jahre 1685 hatte er sich als Magister mit seiner Dissertatio philologica de grammatica hebraica habili­tiert. Seitdem hielt er philologische Vorlesungen vor allem über das Alte Testament (vgl. Lebenslauf, vorl. Ausg., S. 16f.). Durch das Collegium philobiblicum kam seit 1686 das Bemühen um eine erbauliche Interpretation der biblischen Schriften hinzu. Hier liegt der eigentliche Ansatzpunkt seiner späteren exegetischen Arbeit (vgl. Lebenslauf, vorl. Ausg., S. 20). 1687 verließ Francke Leipzig und hielt sich in Lüne­burg und Hamburg auf, um seine exegetischen Kenntnisse zu vertiefen. In Lüneburg erlebte er seine Bekehrung. Als ein Gewandelter kam er 1689 nach Leipzig zurück. Jetzt trat das Neue Testament in den Mittelpunkt seiner Vorlesungstätigkeit. Er war nun darum bemüht, seine philologischen Vorlesungen auf die Frömmigkeit auszu­richten. Daneben wurde das Collegium philobiblicum mit neuem Leben erfüllt. Unter den Studenten entstand eine Begeisterung für das Bibelstudium. Die Kollegs der Fachtheologen vereinsamten. Der Einspruch der Theologischen Fakultät bewirkte jedoch, daß Francke seine philologischen Vorlesungen einstellen mußte.

Bereits damals hat Francke die Grundsätze seiner Bibelauslegung schriftlich zusammengefaßt. Sie erschienen 1692 anonym in Jena und dann 1693 in überarbei­teter Form in Halle unter dem Titel Manuductio ad lectionem Scripturae Sacrae (1709 3 ). Diese Schrift enthält im Kern alle späteren Aussagen Franckes zur Herme­neutik. Was er hier als Programm vorlegte, suchte er als Universitätslehrer in Halle zu verwirklichen. Zunächst als Professor der orientalischen Sprachen und des Grie­chischen berufen, wandte er sich sogleich der Exegese zu, die auch der Hauptgegen­stand seiner Vorlesungen blieb, als er 1698 eine Professur an der Theologischen Fakultät erhielt. Schriften wie die Commentatio de scopo librorum Vet. et Nov. Testamenti (Halle 1724) und die Introductio in Psalterium generalis et specialis (Halle 1734, hrsg. von G. A. Francke) sind der literarische Ertrag seiner Vorlesungen.

Seinem methodologischen Interesse entsprechend hat Francke neben seiner exege­tischen Lehrtätigkeit immer wieder Einführungsvorlesungen in die Hermeneutik, in die Prinzipien der Schriftauslegung, gehalten. Eine dieser Vorlesungen aus dem Jahre 1709 erschien 1717 unter dem Titel Praelectiones hermeneuticae (1723 2 ). In dieser Schrift hat Francke die Gedanken der Manuductio fortgeführt und zu einem gewissen Abschluß gebracht. Daneben hat er in einigen deutschen Schriften sein Anliegen in einer gedrängten und auch dem Laien verständlichen Form zusammengefaßt. Die vorliegende Auswahl hält sich an diese Schriften, die den Kern seiner wissenschaft­lichen Bemühungen wiedergeben.

Zur Interpretation und Beurteilung der hermeneutischen Prinzipien Franckes vgl. A. Nebe, August Hermann Francke und die Bibel, in: Zum Gedächtnis August Hermann Franckes, Gütersloh 1927, S.l32; E. Hirsch, a.a.O., II, S.169177; K. Aland, Der Hallesche Pietismus und die Bibel, in: Die bleibende Bedeutung des Pietismus,Witten/Berlin 1960, S. 24 ff.; E. Peschke, Zur Hermeneutik A. H. Franckes, ThLZ 1964, Sp.97-110; ders., Studien II, S. 13-126.