1. Einfältiger Unterricht,
wie man die H. Schrift zu seiner wahren Erbauung lesen solle, 1694
Der kurze Traktat erschien erstmalig 1694 (vgl. Einleitung, vorl. Ausg., S. 223). Es handelt sich wahrscheinlich um einen undatierten Druck (vgl. HB 22 J 4). Bereits 1695 folgte eine neue „zum andern durchgesehene“ Auflage, die gegenüber dem undatierten Druck einige Ergänzungen und Verbesserungen enthält. Die Schrift fand eine außerordentlich weite Verbreitung. Sie erschien nicht nur mehrfach im Einzeldruck (1731 6 ), sondern wurde auch in die Traktatsammlung „Christliches Leben“ und in den Sammelband „Öffentliches Zeugnis“ (WWD II, 1—8) aufgenommen sowie vielfach den Bibelausgaben der Cansteinschen Bibelanstalt vorangestellt. Wir folgen der undatierten Ausgabe, dem vermutlichen Erstdruck von 1694.
Einfältiger Unterricht /
Wie man die H. Schrillt zu seiner wahren Erbauung lesen solle /
Für diejenigen / welche begierig sind / ihr gantzes Christenthum auff das theure Wort GOTTes zu gründen / entworffen von M. August Hermann Francken /
Gr. & Or. Lingg. P. P. & P. Glauch.
HALLE / Gedruckt bey Christoph Salfelden.
(l b ) WEnn ein Einfältiger / zu seiner Erbauung in GOtt / die Heilige Schrifft Altes und Neues Testaments lesen will / so muß Er
1. Sich mit allem Fleiß dafür hüten / daß er nicht etwa einen heimlichen falschen Grund in seinem Hertzen habe / oder irgend einen Unrechten Zweck / warumb er die H. Schrifft lese. Denn die Schrifftgelehrten und Pharisäer lasen auch die heil. Schrifft / und waren doch dadurch nichts gebessert. Sie meineten das ewige Leben darinnen zu haben / ( 2 a ) aber zu Christo wolten sie nicht kommen / daß sie das Leben haben möchten / Joh. V,39.40. Ein falscher Grund aber und Unrechter Zweck ist es / wenn man die heilige Schrifft lieset / entweder zum blossen Zeit-Vertreib / und weil hier und da einige Historien darinnen sind / daran sich auch ein natürlichs Gemüthe einiger massen ergötzet; Oder wenn man das lesen der H. Schrifft / als ein blosses äusserliches Werck treibet / gleichsam voraus setzet / daß man schon gar fest in seinem Christenthumb stehe / und als zum Überfluß diese Gewohnheit Frühe und Abends hält / ein und ander Capitel zu lesen / und meynet dann / man habe dadurch dem lieben GOtt ein sonderlich gutes Werck dargeleget / wie also viele Menschen sich damit trösten / (2 b ) daß sie fleißig GOttes Wort lesen / deren Sinn und gantzes Leben mit dem Worte GOttes doch im geringsten nicht übereinstimmet; Oder / wenn man nur zu dem Ende die H. Schrifft für sich nimbt / daß man Schrifft-gelehrt werde / und vieles wissen erlange / darunter sich dann Eigen-Liebe / Ehrsucht / und allerley andere Pharisäische Laster zu verbergen pflegen. Und dieses ist heute zu Tage vieler Gelehrten Zweck / welche dann der Schrifft Meister seyn wollen / und wissen nicht / was sie sagen / oder was sie setzen / 1. Tim. 1,7. Ja auch durchaus ist dieses die verkehrte