1. Einfältiger Unterricht, 1694
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io ohlgestaltes-, Aus dem, elenden etwas grosses und erhabenes machet. So muß es zum Preise seines Heil. Nahmens gereichen / daß die Erde wüste und leer war / ehe sie von ihm gebildet / schön und fruchtbar gemachet worden. Gebet. Ach (9 h ) lieber Vater / ich nehme mir dieses zu einem Trost / wenn ich mein Elend und verderbetes Wesen ansehe. Laß mich nur mein eigenes natürliches Verderben recht erkennen. Ich weiß / du wirst dich denn auch über mich erbarmen / und Christum lassen eine Gestalt in mir gewinnen / daß ich wolgestalt für deinem Angesicht erscheine. Die Buß-Thränen wil ich gerne über meine Sünde vergiessen-, Laß du nur deinen Geist auch auff solchen Wassern schweben. Bey solcher Betrachtung muß nun die Prüffung unserer selbst nie unterlassen werden / damit wir aus dem (10 a ) Göttlichen Wort das Verderben unsers Hertzens recht erkennen lernen / und unser gantzes Hertz nach dem Fürbilde der heilsamen Lehre geartet werde.
6. Wie nun die Lesung der H. Schrifft mit dem Gebet muß angefangen / und in stetigen Gebet verrichtet werden / also muß man sie auch damit beschliessen. So mag man dann / wenn man auffhöret zu lesen / auff diese oder dergleichen Art GOTT anreden: 0 du getreuer / himmlischer Vater / Lob / Ehr / Preiß und Danck sey dir demühtiglich gesagt / für diese grosse Gnade / daß du mich mit dem edlen Manna deines Göttlichen (10 b ) Worts an meiner Seelen gelabet / gestärcket und erqvicket hast. Schreibe es nun alles / was ich gelesen / mit dem Göttlichen Finger deines heiligen Geistes in mein Hertz / und versiegle es mit demselbigen / damit es der Satan nicht wieder von meinem Hertzen raube / sondern / daß ich solches in einem feinen und guten Hertzen bewahre / und mich dessen dort ewiglich für deinem Angesicht erfreue j Amen. Auch kan man sich gewehnen / dasjenige / was man gelesen / zum Beschluß in ein Gebet zu fassen / und es also GOtt dem HErrn fürzutragen.
(11°) 7. GOtt / der getreu ist / wird dann einem solchen andächtigen Bibel-Leser es nicht fehlen lassen an innerlichen und äusserlichen Creutz und Leiden und allerley Anfechtungen / als welche ein theures Pfand sind seiner Liebe / dadurch wir seinem eingebohrnen Sohne alhier ähnlich werden. Und dieses / nehmlich das liebe Creutz / ist nun ein recht kräjftiges Mittel / die heilige Schrifft zu verstehen /ja vielmehr zu schmecken und zu empfinden. Das Gebet / die Betrachtung / und die Anfechtung sind die drey Stück / welche einen rechten Gottesgelehrten Mann machen. So bald dir etwas widriges begegnet / es sey innerlich (ll b ) oder äusserlich / so dencke / daß der Praeceptor da sey / und wolle dich examiniren / was du aus der H. Schrifft gelernet hast / so siehe dich denn flugs nach einem Sprüchlein umb / das sich auff deine Noth und Anliegen schicket. Findest du keines / so nimm / wenn die Gelegenheit da ist / gleich die Bibel zur Hand / und ließ einen Psalm / oder wozu dich sonst deine Andacht trüget / so wirst du bald finden / womit du dich stärcken könnest. Doch solt du billich allezeit viel gute Sprüchlein der Heil. Schrifft im Vorrath haben / und gleichsam einen Schatz davon samlen / damit es dir niemahls fehle / wenn du der eines bedarffst. Findest du dann ein Sprüchlein / so laß nur deine Gedancken (GOtt wird dir Gnade darzu geben) von der äusserlichen Noth fahren / und wende sie nur auff solches Sprüchlein / und erwege solches fein (12 a ) andächtiglich in deinem Hertzen / 0 wie wird dir das eine Qvelle lebendiges Wassers seyn! Wie wirst du es so viel tieffer verstehen unter dem Creutz / als vor dem Creutz! Endlich wisse / so viel du der Welt absterben wirst / so viel wirst du in der H. Schrifft sehen und erkennen. So viel du aber nach dem Sinne des Fleisches und der Welt leben wirst / so viel wirst du in der H. Schrifft blind und unverständig seyn. Der GOtt aber unsers HErrn JEsu Christi j der Vater der Herrligkeit / gebe uns den Geist der Weißheit und Offenbahrung zu Seiner selbst Erkäntnüß / und erleuchtete Augen unsers Verständnüß / daß wir erkennen mögen / welche da sey die Hoff(12 b )nung unsers Beruffs / und welcher sey der Reich-