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V. Schriften zur Hermeneutik
ersehen wird / daß er sich auch bey demselben wird auffhalten und niederlassen / als bey einem mit Früchten gantz beladenen Bäumlein. Wer aber im Anfang dafür erschrickt / und dencket / es sey ihm gar zu schwer / er könne die Heil. Schrifft nicht also lesen / der ist selbst Schuld daran / daß er in seinem gantzen Leben keine rechte Lust und Freude an der H. Schrifft gewinnet.
5. Dem Gebet muß die Betrachtung die Hand bieten / daß (6 b ) man bey einem ieglichen ein wenig stille stehe / und alles fein in seinem Hertzen erwege. Gar fein spricht Lutherus über das Evangelium am Christ-Tage in seiner Kirchen-Postill f. 56.b. Das Evangelium ist so klar / daß nicht viel Auslegens bedarff / sondern es will nur wohl betrachtet / angesehen / und tiejf zu Hertzen genommen seyn. Und wird niemand mehr Nutz davon bringen / denn die ihr Hertz stille halten / alle Ding ausschlagen / und mit Fleiß drein sehen / gleich wie die Sonne in einem stillen Wasser gar eben sich sehen lasset / und kräjftig wärmet / die im (7 a ) rauschenden und lauffenden Wasser nicht also gesehen werden mag / auch nicht also wärmen kan. Darumb wilt du allhier auch erleuchtet werden / Göttliche Gnade und Wunder sehen / daß dein Hertz entbrandt / erleuchtet / andächtig und frölich werde j so gehe hin / da du stille seyest / und das Bilde dir tiejf ins Hertze fassest / da wirst du finden Wunder über Wunder. 2 Dieses nun ist bey der gantzen Heil. Schrifft und deren Lesung in acht zu nehmen. Wo man über ein Capitel hinrauschet / darnach die Bibel zuschläget / und was man gelesen hat / bald aus den Gedancken fahren lässet / so ist es kein Wunder / (7 b ) daß man die Bibel wohl oflft durchlese / und doch nicht frömmer und andächtiger darnach werde. Das Gebet und die Betrachtung müssen einander stets die Hand bieten. Wenn es mit der Betrachtung nicht fort will / must du beten; und wenn das Gebet nicht fliessen will / must du die Worte ein wenig betrachten. Aus dem Gebet wird die Betrachtung entspringen und vermehret werden; und durch die Betrachtung wirst du zum Gebet erwecket werden. Kein Mensch / spricht Bernhardus / 3 körnt plötzlich oben an. Durch auff steigen / und nicht durch fliegen / erreichet man die oberste Sprossen an der Leiter. Darumb lasset uns hinaujf (8 a ) steigen / als wie mit zweyen Füssen / nemlich durch die Betrachtung / und durch das Gebeth. Denn die Betrachtung lehret und zeiget uns / was uns mangelt / das Gebet aber erhält und erlanget uns bey GOtt dem HErrn so viel / daß uns nichts mangele oder fehle. Die Betrachtung zeiget uns den rechten Weg / das Gebeth aberführet uns denselbigen Weg. 4 5 Und an einem andern Ort spricht er: Durchs Gebet wird die Betrachtung erleuchtet / und in der Betrachtung wird das Gebet inbrünstig. Es ist ein süsses liebli(8 b )ches Gespräche / und eine selige Unterredung / wo nehmlich das Gebet und die Betrachtung zusammen kommen / also daß eines das andere regieret . 6 Und abermahls: Das Gebet ohne Betrachtung ist kalt und faul Ding. Die Betrachtung ohne das Gebet ist unfruchtbar / und durchaus nichts nütze. 6 Wer diese Erinnerungen des frommen Bernhardi in Lesung der H. Schrifft wol in acht zu nehmen weiß / der wird niemahls ohne grossen Nutzen die H. Schrifft lesen Z. E. im 1. B. Mos. 1,2. Und die Erde war wüste und leer / und es war finster auff der Tiejfe und (9 a ) der Geist GOttes schwebete auf dem Wasser. Betrachtung. Wie hat doch der wunderbahre GOtt von Anfang so gar einerley Wege gehalten / daß Er seine Herrligkeit darinnen am meisten beweiset / daß Er aus nichts etwas / aus dem wüsten und ungestalten etwas schönes und
2 Kirchenpostille 1522, WA 10 I, 1, 62,5—14.
3 Vgl. vorl. Ausg., S. 108.
4 In festo S. Andreae Apostoli sermo I (MSL 183, 509).
5 Meditationes piissimae de cognitione humanae conditionis (MSL 184, 489).
6 In feria secunda paschatis sermo de duobus discipulis euntibus in Emmaus (MSL 184, 966 f.).