3. Christus der Kern Heiliger Schrift, 1702

Die Auffassung, daß Christus der Kern der Heiligen Schrift sei, ist ein Grundthema der Hermeneutik Franckes (vgl. Peschke, Studien II, S.41f.). Bereits einige Jahre vor dem Erscheinen des Traktates hatte Franckeeinige wenige... Blätter / da­rinnen CHristus als der Kern Heiliger Schrifft vorgestellet worden in den Druck gegeben (WWD II, 97). Diese Schrift konnte bisher nicht aufgefunden werden. Der Traktat von 1702 (Widmung vom 16. November 1701) stellt nach Franckes eigenem Zeugnis eine sehr durchgreifende und stark erweiternde Umarbeitung dar, so daß er wohl als selbständige Fassung gewertet werden muß. Er erschien gleichzeitig als Einzeldruck und im SammelbandÖffentliches Zeugnis (WWD II, 96283).

Der Traktat wurde nicht so häufig aufgelegt wie die vorangehenden Schriften (1735 3 , lat. Übersetzung 1724). Das mag damit Zusammenhängen, daß sich Francke hier mit allen Mitteln der damaligen wissenschaftlichen Exegese um eine umfassende, bis ins einzelne gehende Auslegung des Johannesprologs bemüht hat. Die vorliegende Auswahl konzentriert sich darauf, die hermeneutischen Grundgedanken Franckes hervorzuheben. Wir geben im folgenden den Text nach WWD II, 96283 wieder.

(96) CHRISTUS

Der Kern heiliger Schrifft /

Oder / Einfältige Anweisung / wie man Christum / als den Kern der gantzen heiligen Schrifft / recht suchen / finden / schmücken / und damit seine Seele nähren / sättigen und zum ewigen Leben erhalten solle.

(101) Geliebter Leser!

GEgenwärtiges Zeugniß von CHRISTO ist dahin angesehen / daß

1. ) Dadurch männiglichen zu heilsamer Lesung und Betrachtung des Wortes GOttes eine Anleitung gegeben werde. Wer die heilige Schrifft mit solcher veneration als ein Geschenck von der Hand des lebendigen GOttes annimmet / wie dieselbige anzu­nehmen uns armen Creaturen gebühret / der wird leichtlich erkennen / daß derglei­chen Anleitungen nicht zu viel geschrieben werden können; und daß es keine ver­gebliche Arbeit sey / die grossen Schätze / welche uns GOtt in seinem Worte an- biethet / so klahr und deutlich / als der HERR selbst Gnade darzu verleihet / allen und jeden vor Augen zulegen und anzupreisen. Es wird noch immer gar viel daran fehlen / daß wir die Weißheit (102) GOttes nach ihrer Würdigkeit erheben / und alle Menschen dahin bringen solten / dieselbige mit dem gehörigen Ernst zusuchen.

2. ) Der Haupt-Zweck dieser Schrifft ist auff dem Titel-Blat ausgedrucket / und ist dieser / daß JESUS CHRISTUS als der Kern der gantzen heiligen Schrifft nicht nur nach der eusserlichen Wissenschafft / welche jedoch als eine Paedagogie anzusehen / son­dern nach der wahren Krajft durch die Gnade des heiligen Geistes erkant und angenom­men werde. Daß die Erkäntniß CHRISTI etwas höhers sey / als die allermeisten