2. Einleitung zur Lesung der H. Schrift, 1694

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Capitel / zum Römern im 14ten Capitel / in der Apostel-Geschieht am 15ten Capitel. Von der Rechtfertigung (ausser der Epistel an die Römer und an die Galater / welche fürnemlich davon handeln) zum Ephesern am II. zum Philippern am III. &c. Was die dritte Classe betrifft / dienet z. E. da in der Epistel an die Philipper im andern Capitel von dem Stande der Erniedrigung Christi gehandelt wird / welches der Apostel an demselbigen Orte dazu anführet / damit er dadurch die Philipper zur wahren Demuth / Liebe und Einträchtigkeit bewege. Und dennoch ist (H9 a ) es ein Haupt- Ort dieser materie, dieweil daselbst vor andern Orten der Stand der Erniedrigung Christi sehr klar und deutlich beschrieben wird.

Es würde ihm ein Studiosus Theologiae, und insgemein ein jeglicher der einen gewissen Grund in der Göttlichen Lehre aus dem Worte Gottes zu erlernen begehret; sehr wohl rathen / so er nach diesen Classen / die Haupt-Oerter einer jeglichen materie ordnete und ihm wohl bekant machete. So ist es auch ein guter Rath / den Wolffgangus Frantzius giebet in seinem Ruche de interpretatione Scripturae S. 10 daß man sich befleißigen solte / in der heiligen (H 9 b ) Schrifft eine gewisse materie auff einmahl gantz zu lesen / und nicht die Lesung der Schrifft nach den Episteln einzurichten / welches dann diesen Nutzen haben würde / daß man eine jegliche materie desto gründlicher verstehen lernete / und darnach auch desto besser behielte / wo man von einer jeglichen Sache den rechten Unterricht aus der heiligen Schrifft zu holen hätte. Hierzu kommet das auch / wenn solche Haupt-Oerter einer jeglichen materie recht vor Augen lägen / als dann ein jeglicher ihm gleichsam ein Systema Theologiae aus der Heiligen Schrifft selbst formiren / und also der Göttlichen War- heit desto gewisser werden könte. (H 10 a ) Und wäre auch dieses zu wünschen / daß insonderheit Studiosis Theologiae eine klare und deutliche Anleitung gegeben würde / wie sie solten die Heilige Schrifft / so wohl Altes als Neues Testaments / in einer solchen Ordnung lesen und tractiren / daß sie dadurch aufs leichteste zu einer ordent­lichen und wohlgegründeten Erkäntniß der gantzen Christlichen Lehre gelangeten / welches nicht allein zu grosser Gewißheit und Befestigung des Gemüths in der Gött­lichen Warheit dienen / sondern auch ein rechtes Fürbild der heilsamen Lehre / und insonderheit der rechten Apostolischen Lehr-Art ihnen ins Hertze bilden / und sie desto (H 10 b ) geschickter machen würde / ob dem Worte Gottes zu halten / und mit recht Göttlichen Waffen gegen die Widersacher zu streiten; ja sie würden auch da­durch bewahret werden / daß sie nicht / wie leyder! die Gewohnheit ist / in ihrem Leben mehr Fleiß und Zeit auff allerley menschliche Schrifften wendeten / als auff das edle und theure Wort Gottes / welches doch die rechte Qvelle ist / wie wir alle bekennen / daraus alle Weißheit muß geschöpffet werden. Gewißlich ist keine Hoff­nung zu machen / daß einige wahre Frucht bey allen insgemein / und insonderheit bey der studirenden Jugend / werde geschaffet ~wcr(II ll a )den /Wo nicht Gottes Wort in höhern Preiß und Werth kommet / und die rechte wahre Theologia aus der reinen und lautern Qvelle selbst geschöpffet wird. So weit mag denn ein jegliches Buch behalten werden / so weit es das seinige mit beyträget / die H. Schrifft besser zu verstehen / und dieselbige heilsamlich zum wahren seligmachenden Glauben / und desselbigen Übung in der Liebe Gottes und des Nächsten/ anzuwenden: Zu welchem Ende dann auch GOTT die Gaben seines Geistes noch allezeit in seiner Kirche nach seinem heiligen Willen und Wohlgefallen zum gemeinen (H ll b ) Nutz verleihet und austheilet. Demselbigen ewigen und allweisen GOTT sey Ehre und Preiß in Eivigkeit Amen!

10 Vgl. vorl. Ausg., S. 20.

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