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V. Schriften zur Hermeneutik
CHRISTUS Der Kern heiliger Schrifft / Oder Einfältige Anweisung / wie man Christum / als den Kern der gantzen heiligen Schrifft / recht suchen / finden / schmücken / und damit seine Seele nähren / sättigen / und zum ewigen Leben erhalten solle.
I. DAß CHristus der Kern sey der gantzen heiligen Schrifft j bekennet jederman: Aber wenige verstehen / was die Rede bedeute; noch wenigere bemühen sich diesen Kern zufinden / noch wissen die Weise / wie sie ihn recht suchen sollen; die allerwenigste kommen dahin / daß sie diesen Kern wahrhafftig essen / (105) und zur Nahrung und Erhaltung des inwendigen Menschen recht anwenden.
II. Weil nun hieran alles gelegen ist / so ist es billich / daß man den Leser heiliger Schrifft vor allen dingen darauff weise / wie er nicht in der Schaale der äussern Historie des Buchstabens und der Worte solle behängen bleiben; sondern wie er Christum selbst als den Kern der heiligen Schrifft also suchen solle / daß er ihn gewiß finden / und seine Seele damit sättigen möge.
III. Dieses ist die heimliche Weißheit / und die Wahrheit / die im verborgen lieget / (Ps. LI.8.) die nicht durch blosse Uberhäuffung des Gedächtnisses mit mancherley Auslegungen und Meynungen der gelährten / noch durch scharffes und tieffes Nachsinnen des natürlichen Verstandes erlanget wird / noch in dem blossen Wissen bestehet : sondern vielmehr in hertzsehnlicher Begierde / und treuer Sorgfältigkeit seine Seele aus dem Verderben zu erretten / zu erst gegründet wird; eine Veränderung des Hertzens zu einer Göttlichen Natur / Art und Eigenschafft mit sich bringet Joh. 1.12.13. II. Cor. 111,18. II. Petr. 1.4. im Göttlichem Liechte / in That u. Wahrheit / in Krallt und Wesen / in grossem Friede / in unvergänglicher Freude / in Reinigkeit des Hertzens / in lieblicher Vereinigung mit Gott / im Wandel in u. mit Gott / und in einem geistlichen und himmlischen Liebes-Wesen (da das von Gott unauffhörlich zufliessende Gute sich wieder über alle Menschen ohne Unterscheid ausgiesset) in dem allen sage ich / ihren hohen und Göttlichen Adel beweiset.
IV. Diese Weißheit übertrifft alle menschliche Weisheit / wie das Leben den Tod / wie das Liecht die Finsterniß / wie das Wesen den Schatten. Denn in dieser Weißheit allein ist Wesen / Liecht und Leben: aller gelehrten hochberühmte Kunst ist ein eitler Dunst dagegen; Daher die Schrifft spricht: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit / Jer. IX.13. 1 I. Corinth. 1.31.
V. Diese Weisheit wird in der Schule des heiligen Geistes gelernet. Wann GOTT nicht Lehrer ist so mag man auch nicht den ersten Grund dazulegen. Denn Christus spricht Joh. VI.44.45. (106) Es kan niemand zu mir kommen / es sey denn / daß ihn ziehe der Vater / der mich gesandt hat; und ferner stehet in dem Propheten geschrieben Sie werden alle von GOtt gelähret seyn / wer es nun höret vom Vater und lernet / der komt zu mir. 2
VI. In dieser Schule GOttes kan niemand aus studiren; Es ist aber GOttes Lust / daß wir einander auffsagen / was wir als auffmercksame Schüler gelernet haben; und er ist so freundlich / daß er seinen Seegen dazu giebet / und einen durch den andern bauet und stärcket / ob sich gleich keiner einen Meister nennen darff / denn einer ist unser Meister / Matth. XXIII. v. 10.
VII. Ich erkenne mich meines Orts für nichts als einen geringen Schüler und Anfänger in dieser Schule / dieweil ich nur ein Tröpfflein von diesem unergründlichen Meer der Göttlichen Weisheit / die in Christo Jesu ist / gekostet / und viel mehr Ur- sach habe als Hiob (cap. XXVI.14.) Zusagen: Wir haben ein gering Wörtlein ("/O'iD