3. Christus der Kern Heiliger Schrift, 1702

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"Q"!) davon vernommen/ oder nur was davon wispeln hören; jedoch wage ichs ein- fältiglich / meine Lection auffzusagen / und meinem Nächsten / so viel in der Kürtze geschehen kan / mit zutheilen / wie weit ich erkenne / auff welche Weise man CHRI­STUM als den Kern der heiligen Schrifft recht suchen finden / schmücken und damit seine Seele nähren j sättigen und zum ewigen Leben erhalten solle.

VIII. GOtt lasse aus unendlicher Gnade und Barmhertzigkeit meinen Dienst wohl gerathen / und bringe viele auff die Spur / darauf! sie das Leben und volle Gnüge (Joh. X.ll.) finden können.

IX. So laß dir denn / der du gerne CHRISTUM / den Kern der Schrifft / recht treffen und seiner theilhafftig werden möchtest / vor allen dingen anbefohlen seyn / daß du bedenckest / warum liesest du die Heilige Schrifft? oder zu welchem Zweck richtest du alles dein Bibel lesen? Was suchest du dadurch? Denn eine jede Sache muß zu ih(107)iem. rechten und völligen Zweck geführet werden / oder man hat nicht den rechten und völligen Nutzen davon zu gewarten. In Lesung heiliger Schrifft muß Hertz und Sinn auff diesen und auff keinen andern End-Zweck gerichtet wer­den / daß man 1.) zu Christo / und 2.) durch Christum zur ewigen Seligkeit gelangen möge. Siehe 2. Tim. III.15. Ap.Gesch. X.43. Joh. XX.31.

X. Diesen End-Zweck aber auff eine der Ordnung GOttes gemässe / und ihme wohlgefällige Weyse / wohl und selig zuerreichen / must du es keines weges auff deine eigene Krafft / Witz / und Verstand anfangen / noch meynen / daß du es durch fleißig lesen und studiren aus grübeln woltest / oder daß du deines Zwecks dann würcklich theilhafftig seyest / wenn du von Christo / seiner Person / Naturen / Aemtern / Ständen / und allen Stuffen seiner Erniedrigung und Erhöhung eine äusserliche Wissenschafft erlanget habest; Sondern du must dich vor Gott erniedrigen als ein Kind / und alles dein Bibel-Lesen in demüthiger Erkäntniß deiner Untüchtigkeit / mit gantz ernstlichen und inniglichen Gebeth und Seufftzen zu GOtt anfangen / und von solcher stetigen Erniedrigung keines weges abweichen / ob du gleich im Fortgang grossen Verstand in der Heiligen Schrifft findest. Möchtest du so einfältig und niedrig werden und bleiben / als ein kleines und unmündiges Kindlein / das an seiner Mutter Brust hänget / so würde dir die lautere Milch des Evangelii ohne Verhinderung zu- fliessen / und vielmehr dein Hertz als dein Gedächtnüß erfüllen. Siehe von dieser Weißheit der unmündigen Matth. XI.25.26.27.

XI. Doch hats nicht die Meynung / als wenn du die heilige Schrifft selbst nicht lesen / oder doch keine Betrachtung in Lesung der Schrifft anstellen soltest. Die meditation oder Betrachtung hat ihren grossen Nutzen / wenn sie ins Gebeth gleich­sam eingetuncket / und durch die Leitung des heiligen Geistes getrieben wird. Nach und nach wirst du lernen / ob dirs gleich anfänglich schwer düncken wird / 1.) auff den rechten Zweck eines gantzen Textes zu sehen / 2.) das vorhergehende und nach- (108) folgende recht zu erwegen 3.) die Umstände genau zu bedencken / nemlich das wer? was? wie? wo? wenn? zu welchem Ende? u. s. w. 4.) Einen Spruch mit dem andern / das Alte mit dem Neuen Testament /Mosen mit denen Propheten und Psalmen / u. s. f. zu vergleichen / und eines durch das andere / das Schwere durch das Leichtere / zu erklären / 5.) die Worte der Männer GOttes nach dem göttlichen Sinn / der in ihnen gewöhnet / (welchen sie an einem Orte klärer und völliger / als an dem andern / aus- gedrucket) und nicht nach dem äusserlichen Schall / noch in einem fleischlichen Sinn nach der Welt-Art anzunehmen / 6.) Eine Wahrheit aus der andern zuschlissen / und 7.) die liebliche harmonie und Verbindung aller Göttlichen Wahrheiten mit Lust zu beschauen; Wie denn im folgenden zu dergleichen erbaulichen meditation einige Anleitung gegeben wird.