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V. Schriften zur Hermeneutik
Wir bringen im folgenden den in der Mainummer begonnenen „Bericht von den Observationibus Biblicis“, der nach Franckes eigenem Urteil seinen Standpunkt in dieser Frage am besten zusammenfaßt (vgl. Neuauflage von 1707, Vorrede). Die Nummer erschien erst im Juni, weil Francke im Mai 1695 eine Reise nach Gotha unternommen hatte (vgl. Weiske, a.a.O., 26, 1930, S.123fF.).
(409*) M. Aug. Hermann Franckens Gr. & Or. Lingg. Pr. Ord.& Fast. Glauch.
Warhafftiger Bericht von Denen bishero Monatlich herausgegebenen OBSERVATIONIBUS BIBLICIS, oder Anmerckungen über einige Oerter H. SchrifFt /
Dem bisherigen so münd- als schrifftlichen Widerspruch entgegen gesetzet Und heraus gegeben an statt des sonst rückständigen Maji 1695.
Halle / Gedruckt bey Christoph Salfelden.
(411) Gebet zu GOtt dem lebendigen und allein weisen / der alles siebet / und alles richtet / und den Rath der Hertzen offenbahret j auff daß sein Nähme allein geehret / und erhöhet werde in Zeit und Ewigkeit.
HEiliger und ewiger Vater! mit dem meine Seele vereiniget und verbunden ist / in ewiger unzertrennlicher Liebe durch die Besprengung des Blutes JEsu Christi / der du Hertzen und Nieren erforschest / und mit dem Lichte deines Geistes meine Seele erfüllest / daß sie erkennet die Warheit / die im Verborge/ 412)nen lieget / und das allein liebet und suchet / was für dir als eine ewige Warheit zum ewigen Preiß deines Nahmens ewiglich bestehen und bleiben wird / ja der du in solchem Geist der Warheit meiner Seelen das warhafftige Leben / das aus dir ist / das Leben des Glaubens und des Kindlichen Vertrauens auff deine unveränderliche Gnade verliehen / und in demselbigen völligen Trost / Freudigkeit / Muth und Krafft von oben herab in mir ausgegossen hast / daß ich mich freue / zu zeugen von deiner Warheit / und in den kurtzen Tagen meines zeitlichen Lebens zu tragen das edle Mahlzeichen deines geliebten Sohnes und aller seiner getreuen Zeugen / nemlich die Schmach / Verachtung und Verfolgung dieser gegenwärtigen argen Welt / dieweil ich (413) weiß / daß ich samt den übrigen / welche ihr Zeugniß vor mir abgeleget haben / in der ewigen Warheit / Freude und Herrlichkeit für dir leben werde / und alsdenn werde erkant werden von allen / die mich jetzo schmähen / daß ich warhafftig in dieser Welt nicht der Welt noch meiner eigenen Ehre und Nutzen / sondern dir allein mit auffrichtigem Hertzen gedienet habe! Für dich trete ich / du allsehendes Auge / und für den Thron deiner Gnaden werffe ich mich nieder / du allhöchste Majestät! Für dir schütte ich aus das Gespräch meines Hertzens / und erforsche für dir und prüfe / was in meiner Seele verborgen ist / damit ich nicht wider dich sündige / wenn ich meinen Mund auffthue zu reden und zu schreiben beydes für der Welt / die im Finstern tappet / und für deiner (414) Gemeinde / welche im Licht deines Antlitzes wandelt / sondern daß ich meine Seele fasse durch deine beywohnende Gnade und Krafft in dem Geist der Warheit und der Liebe / und Barmhertzigkeit bey dir erlange / nach der Weißheit der Unmündigen auszusprechen nichts anders / als dessen ich ein ewiges Zeugniß von dir erlangen werde / daß es in Lauterkeit u. Freudigkeit des Gewissens als eine unwidersprechliche Warheit erkant sey. Du hast mich schon vor einigen Jahren durch deine Gnade erkennen lassen / daß nicht allein durch das unnütze Geschrey der zancksüchtigen Menschen allerley Spaltung / Zerrüttung und Auffruhr auff Erden angerichtet worden / sondern daß auch manigmahl die jenigen / welche ich für