4. Observationes Biblicae, 1695
Ende 1694 erhielt Francke den Brief eines Freundes aus Magdeburg, in dem dieser seine Armut beklagte und um Hilfe bat (vgl. Fußstapfen, vorl. Ausg., S. 33). Francke beschloß, „zum Besten dieses Freundes alle Monate etwas über Sprüche der Heiligen Schrift zu schreiben, und sich die Zeit zu dieser Arbeit vom Abendessen abzubrechen“ (Frankens Stiftungen II, S.444ff.). Das Ziel dieser Observationes Biblicae oder „Anmerckungen über einige Oerter H. Schrifft“ sollte sein, die Übersetzung Luthers mit dem Originaltext zu vergleichen und zu zeigen, „Wo man dem eigentlichen Wort-Verstände näher kommen könne“. Francke ging dabei so vor, daß in den monatlichen Lieferungen bei jedem fraglichen Spruch zuerst in einer Anmerkung die Übersetzungsfragen philologisch geklärt wurden. Im Anschluß an den Text entwickelte er dann erbaulich-theologische Gedanken, die er jeweils in einem Gebet zusammenfaßte.
Die Observationes Biblicae erregten bei ihrem Erscheinen Freund und Feind. Spener äußerte sich wiederholt sehr besorgt (vgl. Kramer, Beiträge, S.324, 329, 335f., 341, 342, 344). Ebenso kritisierte J. C. Schade, Franckes Studienfreund aus der Leipziger Zeit, das Unternehmen äußerst heftig und ließ sich erst durch ein ausführliches Rechtfertigungsschreiben Franckes beruhigen (das Original scheint verlorengegangen zu sein; teilweise abgedruckt in: Frankens Stiftungen II, S.444 bis 451). Die Sorgen der Freunde erwiesen sich als berechtigt. Bereits im April berichtete Francke Spener von den ersten literarischenAngriffen (vgl. Kramer,Beiträge, S. 333). Er benutzte dann die weiteren monatlichen Lieferungen ab Mai, um sich mit seinen Gegnern auseinanderzusetzen. Mit der Septembernummer brachen die Veröffentlichungen ab. Francke wollte zwar die Auseinandersetzung fortführen (vgl. vorl. Ausg., S. 59). Da aber die Arbeit dem vorgesehenen erbaulichen Zweck nicht mehr gerecht wurde und die Einrichtung der Armenschulen und die Waisenversorgung alle Kräfte erforderten, unterblieb das Vorhaben (Bericht von den Observationibus Biblicis, Halle 1707, Vorrede).
Die philologisch-erbauliche Zielsetzung der Observationes Biblicae ist für das wissenschaftliche Interesse Franckes an der Bibel bezeichnend. Bereits im Jahre 1688 hatte er in einem Brief an seinen Oheim A. H. Gloxin Bedenken gegenüber der Lutherübersetzung angemeldet (vgl. Nebe, a.a. 0., S. IX, lff.). Er blieb auch weiterhin an der Arbeit interessiert. 1702 nahm er die Observationes Biblicae in den Sammelband „Öffentliches Zeugnis“ auf. Er ließ hier alles Polemische beiseite, strich Unsicheres und fügte eine große Zahl weiterer Stellen hinzu (vgl. WWD II, Vorrede und S.284—484). Im Jahre 1707 sah er sich durch den erneuten Angriff J. F. Mayers (vgl. vorl. Ausg., S. 200) gezwungen, den in der Mainummer begonnenen „Bericht von den Observationibus Biblicis“ wieder herauszugeben. Die weiteren Nummern sollten folgen, ja sogar für die drei noch fehlenden Monate ergänzt werden (vgl. Bericht von den Observationibus Biblicis, Halle 1707, Vorrede). Dazu ist es aber nicht mehr gekommen.
Inzwischen hatte man in Halle bereits mit der Arbeit an einer wissenschaftlichen Ausgabe der hebräischen Bibel begonnen und bereitete auch eine verbesserte deutsche Übersetzung vor. Die Zusammenfassung der Pläne Franckes bietet ein 1712 anonym erschienenes „Kurtzes Proiect unpartheyischer privat-Gedancken von einer Emen- dation der Teutschen Bibel“ (HB 51 D 5, abgedruckt bei Nebe, a.a.O., S.26ff.).