4. Observationes Biblicae, 1695

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kommen / und was ein rechtschaffenes Wesen in Christo ist / solches um deswillen für Phantasterey u. Schwärmerey halten / weil es sich mit ihrem fleischlichen und irrdischen Sinne keines weges reimen wil / und da sie selbst ja so arg sind / als die Phariseer und Schrifftgelehrten zur Zeit Christi / dennoch diejenigen für Phariseer schelten / welche ihr Wesen und Thun nicht billigen / noch sie für getreue Knechte GOttes erkennen wollen? Ich lasse aber Herr D. Meyer (523) und alle seines gleichen Welt-förmige Theologos wissen / daß ihre Authorität bey mir gantz erstorben und erloschen sey / und ich mich für ihrem Reden / Schreiben und allem Widersetzen / welches sie gegen mich fürnehmen / im allergeringsten nicht fürchte / sondern gewiß glaube / daß alles ihr Thun ferner / wie bisanhero / nur darzu dienen müsse / daß ihre Schande für aller Welt desto mehr offenbahr werde / und diejenige / welche nur die ersten Buchstaben im wahren Christenthum gelernet / aus ihren eigenen Schrifften völlig müssen überzeuget werden / daß solche / ob sie auch für der Welt als Säulen der Christlichen Kirchen angesehen würden / die Gemeinschafft der Heiligen im Licht noch nie erkannt und geschmecket haben / (524) und daß sie mit ihren faulen Früchten zeigen / daß sie selbst noch nicht einmal Christen seyn / das ist / Gesalbete mit dem Heil. Geist / geschweige rechtschaffene Diener und Knechte JEsu Christi / welche tüchtig wären / in der wahren Klugheit der Gerechten dem HErrn ein be­reitetes Volck zuzurichten. Man findet an ihnen die Mahlzeichen der falschen Pro­pheten / und das Kennzeichen / daß sie von der Welt sind. Denn die Welt hat das Ihre lieb / darum liebet sie die Welt / dieweil sie auch von der Welt sind. Ihre Person brüstet sich wie ein fetter Wanst / sie thun / was sie nur gedencken. Sie vernichten alles / und reden übel davon / und reden / und lästern hoch her. Was sie reden / das muß vom Himmel herab geredt seyn / was sie sagen / das muß gelten auf Erden. Darum fället ihnen ihr Pöbel zu / und lauffen ihnen zu mit Hauffen wie Wasser. Psal. 73. v. 710. (525) Darum hält sie die Welt noch hoch / und rühmet sich mit ihnen / weil sie es eben in allen nicht so genau nehmen / und auf ihre Bekehrung und Veränderung des Hertzens nicht so scharff dringen. Doch ist auch vielen / die selbst noch nicht bekehret sind / ihr Wesen offenbahr / indem sie es gar zu grob und unver­schämt machen. Die letzte Schrillt der Theologen zu Wittenberg gegen Herr D. Spenern 43 ist dessen ein überflüßiges Zeugnis / welche so voll ungereimter Dinge / Verdrehungen und falschen Beschuldigungen ist / daß sich auch diejenigen dessen schämen / die sonst ihre Parthey gehalten. Was hat man im vorigen Jahre nicht vor Schande eingeleget / mit der Schmäh- und Pasqvill-Schrifft / genannt Unfug der Pietisten . 44 Der Autor melde sich / und komme ans Licht / wenn solches nicht ein Werck der Finsterniß ist / dessen er sich schämen müsse. Hr. D. (526) Carpzovius zu Leipzig wil nun die Leute bereden / wie er in einem öffentlichen Programmate gethan hat: Es sey ietzt noch ein herrlicher Zustand der Kirchen / als zu der Apostel-Zeit ge­wesen.* 5 Solte wol iemand so alber seyn / oder so gar seine Autorität sich blenden

43 Gemeint ist die von Professor J. Deutschmann im Namen der Wittenberger Fakultät verfaßte SchriftChrist Lutherische Vorstellung / In deutlichen Auffrichtigen Lehr Sätzen / Nach Gottes Wort / und den Symbolischen Kirchen-Büchern / sonderlich der Augspurgischen Confession Und Unrichtigen Gegen-Sätzen / Aus (Tit.) Herrn D. Philipp Jacobi Speners / etc. Schriften Wittenberg 1695.

44 Vgl. Ausführliche Beschreibung des Unfugs / welchen die Pietisten zu Halberstadt im Monat Decembri ümb die heilige Weynachts-Zeit gestifftet. Dabey zugleich von dem Pietisti- schen Wesen in gemein etwas gründlicher gehandelt wird, o. 0. 1693.

45 Vgl. das Reformationsprogramm der Leipziger Universität von 1694 De florentissimo statu ecclesiae. Zur Rolle J. B. Carpzovs in den pietistischen Streitigkeiten vgl. vorl. Ausg. S. 16, 254.