1. Vom rechtschaffenen Wachstum des Glaubens, 1691
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j eilige / der in seinem Anfänge und gleichsam in seiner ersten Blüte stehet / und noch nicht durch die Anfechtung wohl geprülfet und bewähret ist / ob er wohl auch von GOTT selber im Hertzen gewircket und angezündet ist. Die solchen haben / werden Schwachglaubige genannt / und Kinder in Christo in der Heil. Schrifft / 49 und werden wir ermahnet / solche auffzunehmen und nicht irre zu machen. Je mehr nun der Mensch in die Erfahrung gesetzet und von GOtt geübet wird / je stärcker wird solcher Glaube. Zum Andern mag ein schwacher (564) Glaube Yergleichnüß weise genennet werden / der zwar an sich Selbsten von GOtt ziemlich gestärcket ist / aber wenn er gegen den Glauben Pauli / Eliä und anderer Helden gehalten wird / nicht anders / als für schwach kan gehalten werden. Zum Dritten pfleget auch schwacher Glaube genennet zu werden / wenn der Glaube unter der Anfechtung stehet / und dem Menschen alle Empfindung desselben entzogen wird / ob zwar in der That und Warheit / bey einem solchen warhafftig Angefochtenen / wol stärckerer Glaube ist als bey andern / die die gröste Empfindung desselben haben / in dem sie am besten dem David nachsprechen können: HERR / wenn (565) ich nur dich habe / so frage ich nichts nach Himmel und Erden / ob mir gleich Leib und Seel verschmacht / so bist du doch GOTT allezeit meines Hertzens Trost und mein Theil. Psalm.73/25.26. Ja wenn es mit solchen zur That und Ausweisung kommet / so befindet sich / daß die jenigen / welche in der Anfechtung bekennen / daß sie keinen Glauben hätten / wohl grössere Dinge durch den Glauben überwinden / als andere die über Schwachheit des Glaubens nie geklaget. Und mag wohl eine Probe seyn / ob die Schwachheit des Glaubens eine warhafftige Anfechtung sey oder nicht / daß der Angefochtene gerne alles Zeitliche
(566) entrathen und Schmach und Spott über sich nehmen möchte / so er nur von GOTT so viel Gnade erlangen könte (wie er es dafür hält) ein Füncklein Glauben in seinem Hertzen zuerblicken. Es sey aber ein Glaube so schwach als er immer wolle / so wird er sich dennoch nicht unkräfftig / sondern thätig in der Liebe erweisen / so er anders ein wahrer lebendiger Glaube ist / wo nicht in der süssen Empfindligkeit der Liebe selbst / doch gewiß in thätlicher Erweisung derselbigen. So haben denn die jenigen so einmahl gläubig worden sind von Hertzen an das Evangelium von der Gnade GOttes / wohl auff ihre Seele acht zu haben / daß sie keine Schwachheit des
(567) Glaubens selbst durch ihre eigene Schuld verursachen / noch sich damit selbst von einem rechtschaffenen Wachsthum des Glaubens verhindern und auff halten / sondern allezeit plus ultra weiter hindurch brechen / den Harnisch GOttes ergreiffen und anziehen / damit sie bestehen können gegen die listigen Anläuffe des Teuffels / wie uns Paulus die gantze geistliche Rüstung gar schön vor geleget hat Ephes.6. 50 und so sie denn / ohn erachtet ihres ernstlichen Kampffs / und ihrer guten Ritterschafft / welche sie üben / dennoch mit mancherley innerlichen Anfechtungen umgeben werden / so können sie gewiß seyn / daß eben durch solche Anfechtungen / ihnen die
(568) herrlichste Erfahrung / und durch dieselbige die gröste Stärckung des Glaubens beygeleget werde / und je grösser und herber der Kampff ist / so sie nur nicht von einem guten Gewissen für GOtt abweichen / je herrlicher wird der Sieg und eine wahre Stärckung und Vollbereitung des Glaubens darauff erfolgen / daß sie wohl wachsen und zunehmen / und es andere innen werden / und ihnen doch selbst verborgen ist. Zu rechter Zeit aber werden sie erfahren / daß der HErr tödtet und lebendig machet / in die Hölle und wieder heraus führet. 1. Sam. 2/6. Hiernechst haben sie auch wohl dahin Zusehen / daß sie auch sonsten die wirckliche Erfahrung / (569) derjenigen Dinge / welche ihnen von GOtt in seinem Wort verheissen sind / nicht versäumen /
49 Vgl. Röm. 14,1 ff.; 1. Kor. 3,1; 8,9 ff. 60 Eph.6,llff.