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VI. Predigten

leiden. 1. Tim. 1/19. Und daß diejenigen so einmahl er(557)leuchtet sind / und ge- schmücket haben die himmlischen Gaben / und theilhafftig worden sind / des H. Geistes / und geschmäcket haben das gütige Wort GOttes / und die Kräjfte der zukünftigen Welt / wiederum abfallen und ihnen selbst den Sohn GOttes creutzigen und für Spott halten können. Ebr. 6/4.5.6. Daher auch traun höchst nöthig ist / daß dieselbigen mit allem Ernst erinnert werden / wo sie sich düncken lassen zustehen / daß sie wohl Zusehen mögen / daß sie nicht fallen 1. Cor. 10/12. Ja daß sie sich selbst alle Tage ermahnen / so lange es heute heisset / daß nicht jemand unter ihnen verstocket werde / durch Betrug der ( 558 ) Sünde / denn wir sind Christi theilhafftig worden / so wir anders das angefangene Wesen j biß ans Ende fest behalten. Ebr. 3/11.14. Wie leicht geschiehet es doch / daß wir in unsern tückischen und verführischen Hertzen meynen / nun sey alles gut / nach dem wir einmahl die Gnade Christi geschmäcket / und schlaffem uns unvermercket wieder ein / und lassen unsern Glauben nicht zu einem rechtschaffenen Wachsthum kommen. Dadurch es denn allmählig geschiehet / daß wir wiederum in den Unflath der Welt geflochten und überwunden werden / davon wir entflohen sind / durch die Erkäntnüß des HErrn und Hey(559)landes JESU Christi / und dann das Letzte ärger wird denn das Erste 2. Pet. 11/20. So haben wir nun wohl zubedencken was hieselbst Petrus hinzusetzt: Es wäre ihnen besser daß sie den Weg der Gerechtig­keit nie erkant hätten / denn daß sie ihn erkennen / und kehren sich von dem H. Gebot / das ihnen gegeben ist. is 0 wie viel Berge und Thäler / Wälder und Wüsten sind noch durch zuwandern in dem menschlichen Leben wenn man durch die enge Pforte ein­gegangen / und nun auff den schmalen Wege zum Himmlischen Zion begriffen ist? Wie manche Gefahr stehet uns da noch bevor / welche uns um unsere Seeligkeit bringen kan / so (560) wir unser nicht wohl warnehmen? Darum weil wir den zum Vater anruffen j der ohne Ansehen der Person richtet / nach eines jeglichen Werck / müssen wir unsern Wandel / so lange wir hie wallen / mit Furchten führen. 1. Pet. 1/17. Und nach dem Exempel des Abrahams wohl Zusehen / daß wir nicht schwach werden im Glauben. Rom. 4/19. Noch uns mit der Welt trösten / schwacher Glaube / sey auch ein Glaube und GOtt angenehme: Welches zwar an sich selbst nicht zu läugnen ist / sintemahl ja ein kleines und neugebohrnes oder sonst schwaches und kranckes Kind­lein seinem Vater so angenehm ist / als die Grösten und (561) Gesundesten / und ein junges zartes Bäumlein von dem Gärtner noch mit grossem Fleiß gewartet und gepfleget wird / als ein grosser und auffgewachsener Baum. Wann nun der schwache Glaube / dennoch ein warhafftiger Glaube und rechter Art ist / so ist auch kein Zweiffel / es habe GOTT so wohl ein gnädiges Auge auff die Schwachgläubigen als auff die Starckgläubigen gerichtet. Aber darinnen wird es versehen erstlich daß man vielfältig den Unglauben für einen schwachen Glauben ausgiebet / und wenn man höret / wie der wahre rechtschaffene Glaube müsse beschaffen seyn / sich damit selbst tröstet / man habe einen schwachen Glauben / und den werde (562) GOtt auch ansehen / obwohl offtmahls weder lebendiger Glaube / noch Liebe in dem Hertzen ist. Zum Andern daß man durch eigene Schuld und Unachtsamkeit im Glauben hin­fällig matt und schwach wird / und denn sich nichts destoweniger mit dem schwachen Glauben trösten will / an statt daß man in sich schlagen / seine Fehler erkennen / und sich in GOTT auffs neue ermuntern und ermanen solte. Zum Dritten daß man mit solchen schwachen Glauben sich hie tröstet / biß man alt und grau darüber wird / und nicht bedencket / daß ob gleich der Glaube ehmahls schwach gewesen / so müsse er dennoch auch einmahl stärcker / ja von GOtt zu einem (563) männlichen Alter vollbereitet werden. Sonsten ist eigentlich der schwache Glaube erstlich der

48 2. Petr. 2,21.