2. Äußerlicher Umgang der Kinder Gottes mit den Kindern dieser Welt, 1695
Die Predigt wurde am 21. September 1695 in der St.-Georgen-Kirche in Glaucha gehalten und erstmals in der Sammlung „Sonn-Fest- und Apostel-Tags-Predigten“ veröffentlicht (vgl. SFA, Vorwort). Sie gibt einen guten Einblick in die für Franckes Theologie grundlegende Unterscheidung zwischen Kindern Gottes und Kindern der Welt (vgl. Peschke, Studien I, S.66ff.). Eine Nachschrift ist nicht mehr vorhanden. Wir geben den Text nach SFA III, 228—244 wieder.
(228) Am Tage des Apostels St. Matthäi.
Aeusserlicher Umbgang der Kinder GOttes mit den Kindern dieser Welt.
Die Gnade und Krafft unsers HErm JEsu Christi sey mit euch allen! Amen!
GEliebte in Christo JEsu unserm HErrn / es ist zwar vor 8. Tagen / da aus dem ordentlichen Sontages-Evangelio von der brüderlichen Bestraffung gehandelt worden / zugleich mit angezeiget / wie ein Christ unter den Kindern dieser Welt fürsichtiglich und weißlich wandeln solle 1 : Dieweil aber einem jeglichen wahren Christen an dieser Sache gar viel gelegen ist / auch mit nicht wenig Anfechtungen manche Gewissen in diesem Stücke zu kämpffen haben; so ists nicht als etwas unnöthiges und über- flüßiges anzusehen / wenn von dieser Materie absonderlich- und noch ausführlicher geredet und gehandelt wird. Nachdem wir denn nun vor dieses mal ein solch Evangelium zu erklären haben / in welchem uns unser Heiland selbst mitten unter der Gesellschafft der Zöll('229 / )ner und Sünder / ja auch der Schrifftgelehrten und Pharisäer vorgestellet wird / so wollen wir daher Gelegenheit nehmen / auch in diesem Stück unsers Christenthums uns noch gründlicher zu erbauen; Lasset uns zu dem Ende GOtt anruffen / daß er seines heiligen Geistes Gnade / Krafft und Beystand uns dazu verleihen wolle / und solches in dem Gebet des heiligen Vater Unsers.
Evangelium Matth. IX,9—13.
UNd da Jesus von dannen gieng / sähe er einen Menschen am Zoll sitzen / der hieß Matthäus / und sprach zu ihm: Folge mir. Und er stund auff / und folgete ihm. Und es begab sich / da er zu Tische saß im Hause / sihe / da kamen viel Zöllner und Sünder j und sassen zu Tische mit JEsu und seinen Jüngern / da das die Pharisäer sahen / sprachen sie zu seinen Jüngern: Warumb isset euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Da das JEsus hörete / sprach er zu ihnen: Die Starcken bedürffen des Artztes nicht l sondern die Krancken. Gehet aber hin und lernet / was das sey: Ich habe Wohlgefallen an Barmhertzigkeit und nicht an Op ff er. Ich bin kommen die Sünder zur Busse zu ruffen j und nicht die Frommen.
GEliebte in Christo JEsu / unserm hochverdienten Heilande / es spricht unser Heiland bey dem Evangelisten Matth. XI,18.19. Johannes ist kommen / aß nicht und
1 Vgl. die Predigt vom 17. Sonntag n. Trin. 1695 ,,Vom nützlichen Gebrauch der brüderlichen Bestraffung“ (AFSt L 6 b: Nr. XXXX).
20 Peschke, Francke-Werke