294
VI. Predigten
tranck nicht / so sagen sie / er hat den Teuffel; des Menschen Sohn ist kommen / isset und trincket j so sagen sie / sihe / wie ist der Mensch ein Fresser und ein Weinsäuffer / der Zöllner und Sünder Gesell? Womit er denn lehret / wie die Wege und Führungen / so GOtt mit seinen Knechten gehet / beschaffen / auch öffters so von einander unterschieden seyn / daß die Welt sie nicht fassen noch begreiffen kan. Es war ja Johannes der Vorläuffer unsers HErrn JEsu Christi / der ihm durch die Predigt der Busse den Weg bahnen solte; nichts desto weniger war sein Weg / oder die äusserliche Art und Weyse zu leben von der äusserlichen (230) Lebens-Art Christi so sehr unterschieden / daß auch die Gelehrtesten derselben Zeit sich nicht darein schicken oder finden konnten / sondern sich vielmehr / ob wol aus ihrer eigenen Schuld / daran gestossen und geärgert haben. Johannes gieng in einem rauhen Wege / indem er nicht aß / noch tranck / und von der Gesellschafft der Leute sich enthielte / welches allerdings gemäß war der Predigt der Busse / welche er zu verkündigen hatte / indem solchergestalt sein gantz Leben von dem / was er mit dem Munde predigte / zeugen muste. Unser Heiland JEsus Christus aber / der sein tröstliches und liebliches Evangelium denen Menschen verkündigte / und zu der Tochter Zion kam als ein holdseliger Bräutigam zu seiner Braut / gieng nicht einen so rauhen Weg / er aß und tranck mit den Men- schen-Kindern / ja schlug die Gesellschafft seiner ärgesten Feinde nicht aus / und also muste auch die äusserliche Lebens-Art von der Lieblichkeit der frölichen Bot- schafft / die er hatte an die Menschen-Kinder / Zeugniß geben. Aber hierinn / wie gedacht / kunte sich die Welt gar nicht finden / sondern meisterte und tadelte die Wege GOttes. Denn von Johanne sagten sie: Er hat den Teuffel / von des Menschen Sohn aber: Sehet / wie ist der Mensch ein Fresser und Weinsäuffer / der Zöllner und Sünder Geselle. Wie hart aber versündigten sich nicht die Menschen mit ihren urtheilen? Woraus denn deutlich zu ersehen / daß es GOtt / und seine Kinder / seine Knechte und Diener den Welt-Menschen nimmermehr recht machen können / allezeit finden sie etwas an ihnen zu tadeln und zu meistern / und ist noch niemals ein Knecht GOttes auffgestanden / der es der Welt so solte gemacht haben / daß es ihr gefallen hätte / und also ist auch nicht zu hoffen / sonderlich weil Christus der HErr selbst es nicht zu thun vermocht / daß iemals ein Knecht GOttes auffstehen werde / mit welchem die Welt zufrieden seyn solte. Hingegen aber heist es: Und die Weißheit muß sich rechtfertigen lassen von ihren Kindern / 2 oder: die Weißheit wird gerecht erkannt von ihren Kindern. Diese Kinder der Weißheit sind die Unmündigen / welchen der Vater offenbaret / was vor der Vernunfft verborgen ist / daß sie demnach aus göttlicher Erleuchtung die wahre Weißheit in ihren Wegen erkennen und derselben recht geben. So ward unser lieber Heiland von seinen Jüngern nicht getadelt / noch gemeistert / da die andern bald dieses / bald jenes bey ihm auszusetzen hatten. Welches denn von unserm Heilande allen seinen Nachfolgern zu Trost gesaget ist / daß sie sichs nicht sollen befrembden lassen / wenn die (231) Welt mit ihnen nicht zufrieden ist / und sich freuen / daß die wenige / welche aus der Wahrheit sind / die Weißheit in ihren wunderbaren Wegen erkennen / und dieselbe preisen werden. Weil nun dem also ist / so ists unmüglich / daß die jenige / so dem HErrn angehören / und sein Werck treiben / in ihrem Leben und Wandel ihnen also rathen werden / daß die Welt nicht an ihnen etwas solte zu tadeln finden / sie werden es doch / wie gedacht / derWelt in keinem Stücke recht machen. Schweigen sie / so ist es der Welt nicht recht / reden sie / so ist es ihr auch zuwider / lachen sie / so halten sie sie vor unheilig / sind sie niedergeschlagen und betrübt / halten sie sie vor melancholische Leute / in Summa: geräth ein Kind GOttes unter die Welt und ihre Kinder / er fange es an wie er wolle /
2 Matth. 11,19*.