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VI. Predigten

des Geistes ist / nach Gal. V,22. und also aus dem Grunde eines geheiligten Hertzens herfliesset / solche / sage ich / ist gantz anders geartet / und bestehet nicht in äusser- lichen Worten und Ceremonien / sondern in der That und in der Wahrheit.

Dieses wäre nun / was von dem äusserlichen Umbgang der Kinder GOttes mit den Kindern dieser Welt / in der Kürtze hat sollen angeführet werden. Hierbey haben wir nun uns vorzusehen / daß wir uns nicht in Gefahr geben / damit wir nicht darinnen verderben und umbkommen. Ein jeglicher sehe auff sich Selbsten / und betrachte seine Gesellschafft / mit welcher er umbgehet / wie dieselbe beschaffen sey. Ach wie mancher junger Mensch / der wol umb deßwillen hieher gesendet ist / daß er in guten Künsten unterrichtet / und fürnemlich zur Gottseligkeit angewiesen werden sol / wird durch böse Gesellschafft verderbet! Ein jeglicher prüffe sich / denn ich weiß / daß etlicher Gewissen darunter getroffen werden. Die erste Regul im Psalm-Buch ist diese: Wohl dem / der nicht wandelt im Rath der Gottlosen j noch tritt auff den Weg der Sünder / noch sitzet / da die Spötter sitzen / sondern hat seine Lust am Gesetz des HErrn / und redet von seinem Gesetze Tag und Nacht. Der ist wie ein Baum / gepflantzet an den Wasserbächen / der seine Frucht bringet zu seiner Zeit j und seine Blätter ver- welcken nicht. 17 Wer demnach noch mit den Gottlosen wandelt / also / daß er mit ihrem Rath und bösen Wesen Gemeinschafft hat / bey einem solchen ist noch kein Anfang der Busse. Mercke es wohl / kanst du noch mit der Welt spielen / oder mit der Welt in ihrem Fraß und Söffe leben / oder andere unfruchtbare Wercke der Finsterniß mit machen / so ist noch kein (243) Grund des wahren Christenthums bey dir / du hast noch nicht erfahren / was GOttes Geist im Hertzen wircket. Betrüge dich nur nicht selbst / denn das ist der erste Anfang / wenn GOttes Geist ins Hertze kommt / daß er dich vom Rath der Gottlosen / und vom Wege der Sünder abführet. Denn GOtt und die böse Welt können nicht Freundschafft mit einander halten. Licht und Fin­sterniß können nicht beysammen stehen. Mercke / was der H. Geist saget: Darumb gehet aus von ihnen / und sondert euch abe / spricht der HErr / und rühret kein unreines an / so wil ich euch annehmen / und euer Vater seyn / und ihr solt meine Söhne und Töchter seyn / spricht der allmächtige HERR / 2. Cor. VI,17.18.

Ferner sollen wir uns auch für aller Heucheley hüten lernen / darinn gewiß nicht wenig Menschen verstrickt liegen. Ach liehen Menschen! was können euch Menschen schaden / umb derer Ungunst und Feindschafft willen man mehrentheils heuchelt? nehmet doch lieber ihren Haß auff euch / als den Haß des ewigen GOttes / thut gerade Tritte in eurem Christenthum / und hincket nicht auff beyden Seiten. Kein Heuchler hat Freudigkeit vor GOtt / sein Gewissen schläget ihn / daß er bey sich immer ge- dencken muß: du wandelst nicht auffrichtig für GOTT; aber die Wahrheit und dero Bekänntniß hat die Freudigkeit eines guten Gewissens zur unausbleiblichen Ver­geltung. Gedencket daran / was JEsus CHristus gesaget hat / daß wer ihn vor den Menschen bekenne / er denselben wieder bekennen wolle vor seinem himmlischen Vater / und allen heiligen Engeln. 18

Lasset uns auch endlich recht lernen / was es sey / ich habe Wohlgefallen an Barm­herzigkeit und nicht am Opffer. Lasset uns erkennen die Barmherzigkeit / welche GOtt an uns gethan in CHristo JEsu seinem lieben Sohne / damit wir dadurch mögen erwecket und gereitzet werden / auch an der Ausübung der Barmhertzigkeit gegen unsern Nächsten / Lust zu haben. Lasset uns doch mit einem solchen Sinn gewapnet seyn / daß es unsers Hertzens Lust und Freude sey / unserm Nächsten Liebe zu beweisen / auff welche Art es uns nur möglich ist. 0 wohl dem / der dahin ringet / daß

17 Ps. 1,1-3.

18 Matth. 10,32; Luk. 12,8*.