2. Kinder Gottes und Kinder der Welt, 1695

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aller Bescheidenheit ihm zu benehmen suchen. Und / so wir sehen / daß er in einem Laster stecket / aus GOttes Wort ihm die Gefahr seiner Seelen anzeigen / und ihn zur Besserung anmahnen; nimmt ers an / so hat man eine Seele vom Tode errettet / wie in der Epistel Jac. c. V,20. geredet wird. Was aber die andere Art betrifft / so müssen zwar solche auch mit Liebe angesehen / und keinesweges gehasset werden / sintemal dieselbe dem Verderben noch viel näher sind als jene; indessen mag man solche / wenn sie ein und andermal ermahnet sind / wol fahren lassen. Doch hat man (241) GOtt demüthiglich anzuruffen / daß er in dem allen die nöthige Weißheit geben wolle. Inmittelst sehen wir / daß unser Heiland mit solchen Leuten / dergleichen die Pharisäer und Schrifftgelehrten waren / am allerhärtesten und schärffesten umb- gangen ist. Er hat niemals die Zöllner und Sünder Schlangen - und Otter-Gezüchte geheissen / aber wol die Pharisäer und Schrifftgelehrten / 16 welche doch die besten unter dem Jüdischen Volck zu seyn schienen / die aber den Weg GOTTes verläster­ten / und dadurch andere Menschen davon zurücke hielten. Deßgleichen sol der Mensch in seinem Umbgang mit der Welt auch wol unterscheiden die Sünder dieser Welt / und die / welche rechtschaffene Christen heissen wollen / und doch böses thun. Auff solchen Unterscheid weiset uns Paulus 1. Cor. V,ll. und saget von diesen Leu­ten / daß man auch nicht mit ihnen essen sol. Nemlich wenn ein Mensch in manchen Dingen einen Schein des Christenthums von sich giebet / und davor angesehen seyn wil / daß ers ernstlich mit GOtt dem HErrn meyne / und kein Welt-Kind mehr sey / lebet aber in Sünden wider das Gewissen / so ist freylich nöthig / daß man sich von ihm entziehe / damit man sich nicht theilhafftig mache seiner Sünden / und ihn in solcher falschen Meynung / die er von sich heget / bestärcke. Die aber noch nicht zur Erkänntniß der Wahrheit kommen sind / auch den Schein nicht einmal von sich geben / dieselben sind mit aller Lindigkeit anzuweisen / welches der gute und rechte Weg sey. Man möchte zwar meynen / daß dieser Unterscheid nur auff die Zeit sich schicke / als Paulus diesen Brieff geschrieben / als da Christen und Heyden unter­einander wohneten; Weil aber heute zu Tage das Christenthum auch fast zu einem Heidenthum worden ist / und ein mercklicher Unterscheid unter denen / die sich Christen nennen / zu spüren ist / so mag auch noch jetzo hierunter die Klugheit der Gerechten bewiesen werden.

Es ist auch ferner nach dem Exempel unsers Heilandes in acht zu nehmen / daß man mit hertzlicher Liebe und Erbarmung mit denen Menschen umbgehen sol. Denn wir sehen aus unserm Evangelischen Texte / wie die Liebe Christi allenthalben her­vorleuchtet. Dahero er auch den Spruch aus Hos. VI,6. anführet / da er zu den Phari­säern saget: Gehet hin und lernet / was das sey / ich habe Lust an Barmhertzigkeit und nicht am Opffer. Woraus erhellet / daß der Umbgang CHristi mit den Zöllnern und Sündern aus lauter erbarmender Liebe gepflogen sey. Welches denn nicht allein von uns in Worten / (242) sondern in der That selbst erwiesen werden sol / so / daß man alle Gelegenheit in acht nehme / in der That selbst zu bezeugen / daß man es gut mit dem Nächsten meyne / und ein treües rechtschaffenes Hertz in der Liebe gegen ihm habe. Das ist auch heutiges Tages eine nöthige Lection / hingehen und lernen / was das sey: Ich habe Wohlgefallen an Barmhertzigkeit und nicht am Opffer. Sintemal die meisten bey dem äusserlichen so genannten GOTTesdienst / den man noch heuti­ges Tages als ein Jüdisches Opffer bringet / bestehen bleiben / da hingegen die wahre Liebe bey ihnen erloschen und erkaltet ist. Denn was die Welt Höfflichkeit / Freund­lichkeit nennet / ist ein gantz ander Ding / als diese von CHristo selbst so hoch ge­priesene Liebe und Barmhertzigkeit / und als die Freundlichkeit / welche eine Frucht

16 Vgl. Matth. 23,33.