3. Von den falschen Propheten, 1698
Die Predigt „Von den falschen Propheten“ ist eine der großen Streitpredigten Franckes, der sich zu Beginn seiner Wirksamkeit in Halle mehrfach mit der offenen und versteckten Kritik der hallischen Geistlichkeit auseinandersetzen mußte (vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S. 108ff.). Bereits 1692 hatte er in einer Predigt gegen die vorgebrachten Beschuldigungen Stellung genommen und diese Predigt mit einer Widmung an die Vorsteher seiner Gemeinde veröffentlicht (Der Fall und die Wiederaufrichtung der wahren Gerechtigkeit, gehalten am 6. Sonntag n. Trin. 1692, Einzeldruck Halle 1692, 1702 3 , SFA II, 207—254). Trotz wiederholter amtlicher Untersuchungen und verschiedener Vergleiche schwelte der Streit unter der Decke weiter. Den besonderen Unwillen Franckes erregte die Tatsache, daß seine Amtsbrüder Gliedern seiner Gemeinde, die er wegen grober Sünden nicht zum Abendmahl zugelassen hatte, die Beichte abnahmen und die Absolution erteilten. So sprach er 1698 erneut diese Dinge auf der Kanzel aus (vgl. Kramer, A. H. Francke, I, S. 188ff.), mit besonderer Schärfe in seiner Predigt „Von den falschen Propheten“ am 8. Sonntag n. Trin. (14. August 1698). Auch diesmal ließ er die Predigt sofort drucken. Sie erlebte 1698 noch eine zweite Auflage (1699 3 ) und wurde dann 1704 in die Sammlung der „Sonn-Fest- und Apostel-Tags-Predigten“ aufgenommen (SFA II, 277—329).
Wenn diese Predigt auch nicht der unmittelbare Anlaß für die letzte große Auseinandersetzung mit der hallischen Geistlichkeit 1699 f. gewesen ist, so hat sie diese doch vorbereitet. Spener, der sie bereits in der letzten Septemberwoche im Druck zu lesen bekam, gab seinem Unbehagen mit für ihn erstaunlich starken Worten Ausdruck: „...wünschete, daß sie nicht gerad in diese Zeit gekommen wäre. Bekenne, das ex stylo sacro 2. Petr.2,1. unmüglich andre pro pseudoprophetis halten könne, als qui et quatenus falsa docent... Was das leben anlangt gehört es unter die früchten eines menschen oder eines Christen: aber eines lehrers, er seye ein wahrer oder falscher lehrer, früchten sind nicht das leben an sich selbs, sondern die lehr und jenes nicht anders, als sofern er auch mit exempel lehren oder verführen kan.“ Die in diesem Zusammenhang von Spener angekündigte ausführlichere Besprechung ist nicht nachweisbar (Kramer, Beiträge, S.391f.).
Francke hat sich trotz der Kritik Speners immer zu dieser Predigt bekannt (vgl. SFA I, 581, 668; Großer Aufsatz, S.72, 8ff.). Er hat sie allerdings bei der Aufnahme in die Sammlung der „Sonn-Fest- und Apostel-Tags-Predigten“ gegenüber den früheren Drucken verändert und erweitert (vgl. SFA, Vorwort). Dabei sind einige Spitzen und mißverständliche Formulierungen fortgefallen. Wir bringen im folgenden den Text der ersten Auflage von 1698. Da er nur wenige Absätze aufweist, wurden die in der Sammlung SFA gesetzten Zäsuren übernommen.