3. Von den falschen Propheten, 1698
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Predigt Von den Falschen Propheten / Uber das Evangelium Matth. VII, vers. 15—23.
Am 8. Sonntag nach Trinitatis Anno 1698,
In der St. Georgen-Kirche zu Glaucha an Halle vorgestellet / von M. August Hermann Francken / Gr. & 00. LL. P. P. & P. Glauch.
HALLE / Druckte Chr. Henckel / Univ. B. Ao. 1698.
(3*) Die Gnade unsers HErrn JEsu CHristi / die Liebe GOttes des Vaters / und die Gemeinschafft des Heiligen Geistes sey mit euch allen / Amen!
ES ist ein köstlich Ding / daß das Hertz teste werde / welches geschieht durch die Gnade. Also redet Paulus in der Epistel an die Hebräer am XIII. cap. v. 9. Es mag der Mensch auff dreyerley Art und Weyse angesehen werden. Vor seiner Bekehrung ist der Mensch gleich einem irrenden Wandersmann / ja einem irrenden und verlohr- nen Schaff / wie Esaias (4) saget im LIII. cap. 1 Wir giengen alle in der Irre / wie die Schaffe / ein jeglicher sähe auff seinen Weeg. Wenn denn der Mensch von solchem seinen Irrweege zurück geruffen / und gewarnet wird / daß er auff solchem Weege nicht fortfahren soll / wo er nicht umb Seel und Seeligkeit kommen will: so ist der Mensch gleich einem Wandersmann / der nun weiß / daß er bißhero nicht auff dem rechten Weege gewandelt / gleichwol aber auch noch nicht den rechten Weeg vor sich siehet; und dahero in desto grössere Angst und Noth geräth; dieweil er weiß / so er auff dem Weege fortfahren würde / auff welchem er bißhero gewandelt / so würde er den Räubern und Mördern in die Hände fallen / und doch nicht weiß / was er für einen Weeg erwählen soll / daß er zu seinem Zweck gelange. Wann aber dann der Mensch zu CHristo JEsu / der da ist der Weeg / die Wahrheit / und das Le(5 ) ben / nach dem Joh. XIV. 2 wahrhafftig bekehret ist / als zu dem Hirten und Bischoff seiner Seelen: 3 so ist er gleich einem solchen Wandersmann / der nun nicht allein von dem Irrwege abgeführet / sondern auch den rechten Weeg gefunden hat / und also nun wohl vergnüget ist / daß er auff solchem Weege den rechten Führer hat / der ihn bey der Hand leitet / daß er weiß / er werde nicht verführet werden / sondern endlich in die erwünschte Stadt gelangen.
Also mögen wir auch einen Menschen / nach solchem dreyfachen Zustande vergleichen einem Baum / der erst stehet in einem unfruchtbaren Lande / in welchem er keine Früchte tragen kann: Er wird aber aus solchem unfruchtbaren Lande heraus gehoben / und in ein gutes und fruchtbares Land / da es ihm an guten Sonnenschein und Regen nicht mangelt / gesetzt. So lange als ein solcher Baum nur noch losse stehet (6) in dem neuen Erdreich / so ist ihm noch nicht recht damit geholffen; denn er kann gar leicht wieder umbgeworffen werden: Wenn er aber in dem neuen Erdreich erst seine Wurtzeln recht geschlagen / und wohl bevestiget hat; denn bekleibet er recht darinnen / bringet seine Früchte / und erfreuet damit den Gärtner. Also ist / sage ich / ein Mensch / so lang er sich zu CHristo noch nicht bekehret hat / so ist er in einem unfruchtbaren Lande; Er kann da keine gute Früchte tragen. Wenn er aber in CHristum versetzet wird / so wird ihm geholffen. So lang aber doch ein Hertz in Christo noch nicht Wurtzel gefaßt / und in demselbigen nicht bevestiget ist: so stehet es immer in Furcht und Zweiffel / ob es auch in einem guten Lande stehe / und die rechte Frucht / nehmlich die Frucht des ewigen Lebens zu gewarten habe; Ja es kann auch geschehen / daß er durch (7) verführische Lehrer / oder sonst auff andere
1 Jes.53,6.
2 Joh. 14,6.
s Vgl. 1. Petr. 2,25*.