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VI. Predigten
Art und Weyse umb und umb gerissen werde. Wenn aber erst der Menscb in CHristo JEsu Wurtzeln geschlagen / und in Ihm bevestiget ist / nach dem 2 cap. der Epistel Pauli an die Coloss. v. 7; so wandelt er denn in CHristo JEsu / und sein Hertz ist in Ihm bevestiget.
Da spricht denn nun Paulus: Es ist ein köstlich Ding / daß das Hertze veste sey. Einem Wandersmann ist es ein köstlich Ding / wenn er nicht alleine von dem Irr- weege abkommen ist: sondern nun auch auffs allergewisseste weiß / daß er auff dem rechten Weege sey / ausser aller Gefahr / in völliger Sicherheit; daß er auff dem Weege / darauf! er gehet / nicht werde zu Schaden kommen. Einem Gärtner düncket es ein köstlich Ding zu seyn / wenn der Baum in ein gutes Land gesetzet ist / da er gute Früchte tragen kann / und wenn er in demselbigen (8) seine Wurtzeln so eingeschlagen hat / daß er sich keiner Unfruchtbarkeit befürchten darff: er findet dann auch zu rechter Zeit seine Früchte drauff / und freuet sich darüber. Also ist es einem Menschen ein köstlich Ding / wenn er nicht alleine errettet ist von den Weegen der Finsterniß: sondern er weiß auch / daß er auff die Weege des Friedens seine Füsse gesetzet hat. Er weiß auffs allergewisseste / daß er in JEsu CHristo seinem Heylande stehe: Er weiß durch das Zeugniß des Heiligen Geistes / daß er GOttes Kind sey. Und wenn alle Welt auff ihn zusprünge / und ihn für einen Verführer und Verführten hielte / irret er sich daran nichts: sondern erkennet auffs allergewisseste / daß er in GOttes Hulde und Gnaden sey / und / daß die ewige Seeligkeit sein bleiben werde.
Es ist ein köstlich Ding / spricht er / daß das Hertz veste werde: welchesge(9)schiebet durch die Gnade / oder / daß das Hertze / wie es eigentlich heisset / durch die Gnade bevestiget werde: wenn nehmlich die Gnade nicht alleine äusserlich verkündiget; sondern auch von dem Hertzen in wahrem Glauben angenommen wird / und der Geist der Gnaden sich dergestalt in dem Menschen erzeiget / daß er durch Bezeugung des Heil. Geistes / in seiner Seelen auffs allergewisseste solcher Gnade / Liebe und Hulde seines Himmlischen Vaters versichert ist / und in solcher Versicherung der Gnaden GOttes eine liebliche Vereinigung mit GOtt in seiner Seelen erfähret. Das ist / sagt Er / ein köstlich Ding / wenn also durch die Gnade das Hertz recht bevestiget wird / daß es nicht allein einen Geschmack an der Gnade GOttes gewinnet; sondern daß es auch in dem Besitz der Gnade GOttes recht bevestiget werde / und in derselben Wurtzel faße: daß es einen solflöjchen beständigen Zustand in sich erfähret / darinnen er nicht mehr sich zubefürchten / es werde umbgeworffen werden; sondern GOtt Lob den rechten Weeg / und den rechten Führer weiß / zu demselbigen und dessen Ende zugelangen.
Nun dieses köstliche Ding sollte von uns allen von Kindheit auff recht gesuchet werden. Zwar ist es ja wol an dem / daß die Menschen bald den Lehr-Satz faßen / man müße an seiner Seeligkeit nicht zweiffeln: Aber in der Application oder Zueignung dieses Lehr-Satzes ist auch keine geringe Krafft des Irrthums. Denn solchen Fürsatz fassen die meisten ohn Unterscheid: und da sie noch in keinem solchen Zustand stehen / darinnen sie sich / nach der Ordnung des Worts GOttes / der Seeligkeit getrosten können / so bleiben sie doch darbey / wie sie es gehöret / sie dürfften an ihrer Seeligkeit nicht zweiffeln. Und eben dadurch verstärcken sie sich desto mehr in der (11) fleischlichen Sicherheit / und bleiben in dem Zustande / darinnen sie sich in Wahrheit keiner Seeligkeit zuversichern haben / und freuen sich doch / daß sie sich gewiß des HErrn JEsu zugetrösten hätten: daß sie ihren HErrn JEsum im Hertzen hätten: daß sie ja gewiß hoffeten durch sein Verdienst gerecht und seelig zu werden. Siehe! da ist ja gewiß der letzte Betrug ärger denn der erste: Da die Menschen sollen erst suchen / daß sie vom Irrweege / darauf! sie giengen / errettet würden / und dann darumb bekümmert seyn / wie sie auff einen guten Weeg möchten