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VI. Predigten

HErrn tüchtig gemacht hatte. Nun aber stehet allhier von den falschen Propheten. So sind denn nun diejenige falsche Propheten / die sich dafür ausgeben / daß sie rechte Propheten seyn / und sind es nicht; die sich dafür ausgeben / daß sie den Menschen die Wahrheit lehren / und thun es nicht; die sich da(26)£üi halten / und dafür von den Menschen wollen gehalten seyn / daß sie ihre Zuhörer auff den rechten Weeg weisen / und verführen sie in den Abgrund der Höllen hinein. Unser Heyland beschreibet sie deutlich: Die in Schaaffs-Kleidern zu euch kommen; innwendig sind sie reissende Wölffe. Demnach so gehören zwey Stücke zu einem falschen Propheten / erstlich der Schaaffs-Peltz / und denn das Wolffs-Hertz: Beydes muß nun erkandt werden. Was ist denn das / in Schaaffs-Kleidern: Was ist das für ein Schaaffs-Peltz / darein sich die reissenden Wölffe verkleiden?

Ein solcher Schaaff-Peltz ist vornehmlich die vorgewandte Orthodoxie, oder reine Lehre. Denn weil die falschen Propheten das Reich GOttes in der Krafft in ihrer Seele niemals geschmäcket und erfahren: so haben sie nichts bessers / als den äusser- lichen Buchstaben der Lehre / wie sie (27) in gewisse Theses und Sätze abgefasset ist. Auff solche Theses und Lehr-Sätze pochen und trotzen sie / wenden die Orthodoxie in allen Stücken vor / und mißbrauchen dieselbe zum Deckmantel ihres fleischlichen Eiffers und Boßheit: wie solches aus dem Exempel der Pharisäer und Schrifftgelehr- ten Zusehen / die allezeit auff Mosen und seine Lehre trotzeten / und doch dieselben / wenn unser Heyland auff die wahre Krafft drang / und dieselbe in Worten und Wercken bewieß / unter dem Schein der Orthodoxie verwarffen. So sagten sie / z. e. daß er nicht recht von dem Sabbath lehrete: daß er den Sabbath nicht hielte: und ob gleich unser Heyland die Menschen am Sabbath heylete / und also würckliche Wercke der Liebe / die von Mose auch gebothen waren / ausübete; so berieffen sie sich doch auff die Orthodoxie, und wendeten für / als ob CHristus dawider handelte. (28) Damit bezauberten sie das Volck / daß es dachte: Ey! das sind heilige Leute / daß würden unsere Pharisäer und Schrifftgelehrten ja nimmer thun / die bleiben doch bey der reinen Lehre; wie halten sie doch so vest auff Mosen / und auff die Lehr-Sätze der ältesten? Es muß doch mit dem JEsu von Nazareth nicht recht seyn / sonst würden unsere Lehrer Ihm keine Heterodoxie oder falsche Lehre imputiren und beymessen. Siehe / so ist die Orthodoxie oder reine Lehre ein Schaaff-Peltz / wenn nehmlich der Mensch sich auff den äusserlichen Buchstaben verlasset / und doch die Krafft derselben weder jemals geschmäcket noch erfahren hat. Daraus denn ein jeder Verständiger wol sehen kann / daß man die Orthodoxie oder Reinigkeit in der Lehre an sich selbst keines weges gering schätzet / oder einen Mischmasch in der Lehre billige und gut heisse: sondern daß man nur die (29) Heucheley derjenigen Lehrer bestraffe / welche sich mit dem Schein ihrer gefasseten Lehr-Sätze äusserlich schmincken / und das Geheimniß des Glaubens / und die Krafft der Lehre JEsu CHristi und seiner Apostel in keinem reinen Gewissen haben und besitzen; gleich wol aber für rechtschaffene Lehrer wollen gehalten seyn.

Ein solcher Schaaffs-Peltz ist auch der äusserliche Beruff / darauff sich falsche Propheten beruffen / und umb deßwillen sie sich für Diener GOttes und CHristi halten: denn weil sie von der Landes-Obrigkeit beruffen / und in das Ambt gesetzet worden sind / und darauff Brieff und Siegel empfangen / meynen sie genügsames Zeugniß daran zu haben / daß sie Lehrer aus GOtt seyn: Ob gleich / wenn ihr Gewissen recht sollte geprüffet werden / sich es wol finden möchte / daß man durch gar schlimme Weege ins Ambt gekommen / (30) und als ein Dieb und Mörder zur Unrechten Thür in den Schaaff-Stall hinein gestiegen; 6 in dem man sich etwa vorhero durch Bitt-

5 Vgl. Joh. 10,1*.