3. Von den falschen Propheten, 1698
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schrifften insinuiret / und sich also sorgfältig umb Patronen beworben; daß ich nicht sage / wie man wol durch Gaben und Gescbencke / durch Heyrathen und andere dergleichen krumme Weege ins Ambt eingeschlichen; nicht in hertzlicher und brennender Liebe / dem HErrn CHristo Seelen zu gewinnen / sondern nur / daß man sein Stück Brodt haben / und dabey in grossen Ehren und guter Gemächlichkeit des Fleisches leben möge. Nichts desto weniger / wenn ein Brieff da ist / den man auff- weisen kann / daß man zu dem Ambt beruffen / oder bestellet sey / so heisset es: Hab ich nicht meinen ordentlichen BerufF; bin ich nicht ein verordneter Diener CHristi? Da man doch billig darnach fragen sollte: Ob man auch durch (31) GOttes Geist gesendet / und durch denselben tüchtig gemacht sey das Ambt des Geistes in der Krafft zu führen / und also wahrhafftig von GOtt beruffen sey / und das Zeugniß davon in seinem Hertzen habe.
Ein solcher Schaaff-Peltz ist ferner die äusserliche Autorität / da man nehmlich sich auff die reinen Theologos unserer Kirchen beruffet / deroselben Autorität vorschützet / und im Gegentheil nicht darauff siehet / wie man möge in dem Grunde der Lehre unsers HErrn JEsu bevestiget werden; Da muß z. e. Lutherus vielen falschen Lehrern zum Schaaff-Peltz dienen; indem sie sich mit seiner Autorität schmücken / und sich darauff beruffen / daß sie sich nach seinem Namen nennen / und mit Ihm einerley Lehre führen; da doch der Glaube und Geist Lutheri nicht in ihnen ist. Denn ja Lutherus nicht das Seinige gesuchet / sondern die Ehre des lebendigen GOttes / und (32) Leib und Leben umb des Evangelii willen gewaget hat: da hingegen diese bey dem Evangelio ihre eigne Ehre / Nutz und Beqvehmlichkeit / und also gantz das Widerspiel suchen.
Ein solcher Schaaff-Peltz muß auch seyn das theure Wort GOttes selbst / damit man sich äusserlich schmücket / und vorgiebt / man bleibe alleine bey der heil. Schrifft: ja eben daher nehmen falsche Propheten Gelegenheit / rechtschaffene Knechte GOttes zu verkleinern und zu verlästern / wenn sie denselben nur auffbürden mögen / daß sie nicht allein bey der H. Schrifft blieben / sondern auch auff unmittelbare Offen- bahrung giengen. 6 0! da meynet man / da habe man sich so wohl und vest gesetzet / daß nun niemand einem das in Zweiffel ziehen dürfte; Siehe! da muß GOttes Wort der Schaaff-Peltz seyn: da heißt es / man wolle allein dabey bleiben; man wolle von keinen un/ 33 /mittelbaren Offenbahrungen etwas wissen / sondern sich allein an das geschriebene Wort GOttes halten. Worunter aber von den falschen Propheten nichts anders gesuchet wird / als daß sie treue Knechte GOttes / die da die Menschen auff die Erleuchtung des Heil. Geistes und die innerliche Offenbarung CHristi im Hertzen nach GOttes Wort weisen / verdächtig machen wollen / als ob sie Feinde wären des geschriebenen Worts / und nur auff unmittelbare Offenbahrungen warteten / und darauff die Leute wiesen; hingegen sich vor der Welt in den Credit setzen / als ob sie rechte Eyfferer für das Wort GOttes und wahre Lehrer wären: da doch die Erfahrung bezeuget / daß sie nichts weniger sind / indem sie an statt des lautern Wortes GOttes ihre menschliche Weißheit und Worte Vorbringen / dasselbe auff tausendfältige Art verkehren / den (34) Leuten es nicht in die Hände geben / noch auff ein dem Worte GOttes in allen Stücken gemässes Leben / nach dem Befehl CHristi / dringen.
Ja ein solcher Schaaff-Peltz muß auch seyn CHristi Name und Christi Verdienst: in dem man solches nur äusserlich vorwendet / und den Namen haben will / daß man sich allein auff CHristum verlasse / und auff sein Verdienst leben und sterben wolle. Sehen nun solche falsche Propheten / daß andere nebst den Glauben an das Verdienst
6 Vgl. den Streit über die außerordentlichen Offenbarungen, in den Francke 1692 ff. verwickelt wurde (Kramer, A. H. Francke, I, S. 122 ff.).
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