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VI. Predigten
das ist nun eben der größte Greuel in unserer ( 44 ) Lutherischen Kirchen / dadurch die Boßheit überhand genommen hat / nehmlich ob man schon weiß / daß in einer Stadt und Gemeinde der größte Häufle in Sünden / Schanden und Lastern lebet / auch über dieses auff öffentlicher Cantzel darauff schilt / und solches denen Leuten fürstellet / wie alles verderbet sey; Daß gleichwol alle ohn Unterscheid fein säuberlich absolviret und loß gesprochen werden von ihren Sünden / und nicht anders als liebe Mit-Christen / liebe Söhne und Töchter geheißen und tractiret werden. Siehe! das ist ein Zeichen / daß leider! mehrentheils in unserer Kirchen / in denen Beicht- Stühlen falsche Propheten sitzen müßen. Ich beurtheile damit keines weges diejenigen / welche solchen Menschen die Absolution wiederfahren lassen / die keine offenbare und äußerliche Kenn-Zeichen der Unbußfertigkeit an sich haben / und / wenn ihnen ernstlich zugeredet wird / ( 45 ) gute Worte geben / die da bezeugen / daß sie solches annehmen und erkennen / über ihre Sünde Reu und Leid tragen / von Hertzen GOttes Gnade suchen / und künfftig ihr Leben beßern wollen: Denn in solchem Fall kann ja freylich ein Lehrer nicht ins Hertze sehen / und möchte man da wol in gewißem Verstände gelten lassen / was sonsten die falschen Propheten zur Entschuldigung ihrer Sorglosigkeit die Menschen zu prüffen / und sich ihres Zustandes zuerkundigen / im Munde führen; De occultis non judicat Ecclesia. 10 Meynen es aber solche Lehrer mit denen Seelen rechtschaffen / so werden sie dieselbe auch bey solchem vorgeben für Heucheley warnen / und ihre Gewißen rege zumachen suchen / damit das Verborgene ihres Hertzens offenbar werden möge / nach 1. Cor. XIV.25. Aber wo die Wercke des Fleisches offenbar sind; Wo man zum Exempel weiß / daß diese und ( 46 ) jene in ihren Häusern Unordnung verstatten / daß sie den Sonntag in ihren Häusern entheiligen / damit / daß Sie darinnen allerhand Greuel / als Säufferey / Völlerey / Tantzen / Springen und andere Eitelkeit Vorgehen lassen / und man doch dieselben / wenn sie zur lieben Beicht kommen / immer fein absolviret: Siehe / wie ist es müglich / daß der ein wahrer Prophet sey / der einem solchen Menschen / von dem er weiß / daß er in offenbaren Wercken des Fleisches lebet / die Gnade GOttes ankündiget / dem doch GOtt seinen Zorn will angekündiget wissen? Ja spricht man / Es saget doch dieser und jener seine Beichte her / wer kan wissen/ Ob er nicht / indem er das thut / und die Absolution anhöret / auch noch einen guten Gedancken fasse: Allein / du thörichter Mensch / warumb stellest du denn nicht vorher eine Prüffung an / ob einem solchen sein Beichten ein rechter Ernst ist? Warumb ( 47 ) fragest du nicht erst / ob er auch von seinen offenbaren Wercken des Fleisches / darinn er lebet / abstehen wolle? Ist denn so große Gefahr darbey / wenn du ihn nicht so bald auff sein Begehren absolvirest? Gesetzt auch / daß der Mensch nun in dem Augenblick / da du mit ihm redest / einen guten Gedancken fassen sollte / wird er denn darumb zur Höllen fahren / wenn du ihm die Absolution so lange verweigerst / biß du eine Besserung erkennest? Wie aber / wenn er dir es nun einmal auch versichert hat / führet aber hernach in seinen groben Sünden und Lastern fort / und kommet denn wieder: trauest du denn so gleich? Und was wird endlich daraus / wenn er einmal nach dem andern dir mit Zusage der Besserung heuchelt / und du ihm wieder mit der Ankündigung der Gnade GOttes / und Vergebung der Sünden heuchelst? Wirst du nicht mit ihm in die Grube fallen? Darumb / wel/48/che auff diese Weyse denen Menschen ohne Unterscheid die Hände aufflegen / und sie also in ihrer Unbußfertigkeit und Boßheit stärcken / die sind falsche Propheten / die die Wahrheit für nichts achten. Denn sie sollten sagen: Ihr stehet unter dem Zorne GOttes / und unter dem Fluch / und seyd nicht Kinder der ewigen Seeligkeit; offen-
10 „Über verborgene Dinge urteilt die Kirche nicht“.