3. Von den falschen Propheten, 1698
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bekommen / Schätze sammlen / reich werden mögen / wie ihre Accidentia und Besoldung möge verbessert werden / damit sie fein viel beylegen / und also ihre Kinder und Kindes-Kinder nach einander wohl versorgen mögen. Daher sie auch keine Arbeit in ihrem Ambte übernehmen / wo nicht auch ein Accidens davon zu erwarten ist. Das heißt denn das Fette fressen / und sich mit der Wolle kleiden / und das gemäßtete schlachten / aber die Schaajfe nicht weyden. Ezech. XXXIV.3. Und das ist eben die Eigenschafft eines reissenden Wolffes. Paulus klaget gar schmertzlich über solche Lehrer in der Epistel an die Philipper cap. 11,21. Sie suchen alle / spricht er / das Ihrige / und nicht / was JEsu CHristi ist: will aber umb deßwillen solche nicht (40) für rechtschaffene erkennen. Solcher Eigen-Nutz bringet das Laster des Geitzes mit sich: Daher auch denn das Sprichwort kommen ist; daß die Pfaffen geitzig sind. Davon der seelige Lutherus sagt / daß es synechdochice zu verstehen sey / nehmlich / nicht als ob alle / sondern daß die meisten unter den Lehrern so wären. 9 Solcher Geitz bringet denn nun auch mit Dieberey und Mord: wie unser Heyland sagt bey dem Johanne cap. X,8: Alle die vor mir kommen sind / die sind Diebe und Mörder gewesen. Das scheinet ja wol eine harte Rede zu seyn / daß unser Heyland so gar mit Dieben und Mördern umb sich wirfft: Aber es ist nicht zu hart geredet. Denn wenn einer zeitlich Guth stiehlet / so achtet man es nicht zu hart / daß man einen solchen einen Dieb nennet; so jemand den Leib tödtet / so achtet man es nicht zu (41) hart / daß man einen solchen einen Mörder nennet: Sollten denn die nicht Diebe und Mörder genennet werden / welche nicht zeitlich Guth / sondern die Seelen der Menschen stehlen / welche nicht den Leib tödten sondern die Seele ermorden? Wie geschiehet aber das? Sollten denn wol solche Menschen seyn / die da vorsetzlich und muthwillig die Seelen der Menschen ermorden? Es kann solches auff zweyerley Weyse verstanden werden. Es geschiehet ja wol ein Mord / wenn ein Mensch den andern mit der Faust todt schlägt: aber derjenige / der durch seine Verwarlosung einen Menschen umbkommen läßt / der ist in Wahrheit ja auch ein Mörder. Man wird gewiß nicht allein die eine Mörderin nennen / welche die Hand an ihr Kind geleget / und solches ermordet hat: sondern auch diejenige / welche ihr Kind todt hungern liesse / oder es sonst nicht in acht (42) nehme aus grosser Nachlässigkeit / und indessen das Kind liesse den wilden Thieren in die Klauen gerathen. Siehe! solche wäre j a eben so wol eine Mörderin zu nennen. Also geschiehet solcher Seelen-Mord und Seelen-Raub im Lehr- und Predigt- Ambt grossen theils durch Verwahrlosung; wie man im Ezech. XXXIV.4.5. zu sehen hat / da es heisset: Der Schwachen wartet ihr nicht / und die Krancken heylet ihr nicht / das Verwundete verbindet ihr nicht / das Verirrete holet ihr nicht / und das Verlohrne suchet ihr nicht / sondern streng und hart herrschet ihr über sie / und meine Schaaffe sind zerstreuet / als die keinen Hirten haben / und allen wilden Thieren zur Speise worden / und gar zerstreuet etc. Wo denn nun solche Hirten sind / die sich des Ihrigen (43) nur annehmen / und damit vergnüget sind / wenn sie äußerlich das Ambt so weit verrichten / daß sie einmal hingehen / und eine aus gekünstelte / oder ausgeschriebene und auswendig gelernete Predigt dem Volck vorsagen / Kinder tauffen / und Sacra- ment reichen / sonsten aber das Volck in seinem Irrwege gehen und in ihren sünd- lichen Gewohnheiten fortfahren laßen / und zufrieden sind / wenn sie nur zur rechten Zeit zur Beicht und Heil. Abendmahl kommen / so dann die Hand allen ohne Unterscheid auff den Kopff legen und sprechen; Gehe hin im Frieden / deine Sünden sind dir vergeben: Solche sind falsche Propheten / Diebe und Mörder; damit daß sie den Frieden verkündigen / da kein Friede ist; Daß sie die Gnade GOttes verkündigen / da doch keine Gnade / sondern Zorn und Ungnade Gottes zuverkündigen ist. Und
8 Vgl. Kirchenpostille, WA I, 1, 22f.