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VI. Predigten
der Heil. Schrifft solche bestätige: so sey man ein wahrer und kein falscher Prophet zu nennen; Man habe nicht darauff zu sehen / ob sein Leben mit der Lehre überein komme; sondern wann er nur diejenige Lehr-Sätze also vortrage / wie er selbst gelehret sey / so könne man an solchen seinen Lehr-Früchten schon erkennen / daß er kein falscher Prophet sey. Ist dann das nun der rechte Verstand (53) der Worte CHristi? Ich sage / nein; sondern das heisset dem HErrn CHristo das Wort im Munde umbkehren. Indessen will ich das zugeben / daß die falschen Propheten an ihrer Lehre erkannt werden können: Aber was ist es für eine Lehre? Wir müssen das Evangelium fein in seiner Connexion ansehen / wie es mit dem vorhergehenden zusammen hange. In dem 5. 6. und 7. cap. des Evang. Matth, ist ein kurtzer Begriff der Lehre unsers HErrn JEsu CHristi. Nach derselben prüffe man die Lehre der falschen Propheten / ob sie damit eintreffe? Ich sorge / daß sie in dieser Probe / der sie sich doch unterwerfen wollen und müssen / gar schlecht bestehen möchten. Man betrachte doch nur / in welcher Lauterkeit und Krafft diese Berg-Predigt vorgetragen / und wie alle Worte darinn Geist und Leben seyn? Hingegen halte man dargegen die Art zu pre/54jdigen / die heutiges Tages im Schwange gehet / und prüffe / ob sie wol damit übereinkomme? 0 wie hat diesselbe so gar eine andere Gestalt? CHristus trug den Willen seines Vaters mit einfältigen Worten vor / aber wie schmücken sich nicht heut zu Tage die falschen Propheten mit ihrer so genandten Prediger-Kunst / nach welcher sie den Text künstlich eintheilen / mit philosophischen und Lateinischen Terminis die partes benennen / und alle Worte abzirckeln und abmessen können; geschweige der vielen Controversien und Anziehung der Irrthümer der alten Ketzer / damit sie in ihren Predigten zuthun haben. An statt / daß man den lautern Sinn des Heil. Geistes dem Volcke vortragen / und ihre arme Seelen aus dem Verderben zuerretten suchen sollte / und ihnen auffs einfältigste den Weeg / wie ihnen geholffen werden könne / zeigen / höret man / da ß (55) sie dem Volcke vorschwatzen / was Cornelius a Lapide, 16 was Kimchi und Raschi 17 und die alten Väter vor Auslegung haben / und die Zeit damit hinbringen. Was soll das bey dem armen Volck doch vor Nutzen schaffen? Mein! was sind die armen Seelen dadurch gebessert? Aber dabey bleibt es nicht / sondern weil sie nach ihrer Kunst auch das Auditorium zu delectiren suchen / siehe / so müssen auch feine Historien feine Sinnbilder / Emblemata und Symbola vorgestellet werden: Ursache / man habe ein gelahrtes Auditorium, und müsse also nicht nur dem gemeinen Volck / sondern auch den Gelehrten predigen; Eben als wenn die Gelehrten / welche nach dem Sprichwort insgemein die Verkehrtesten sind / die Einfalt / und daß ihnen die Wahrheit derbe und deutlich gesaget werde / nicht auch von nöthen hätten / oder als oh die Gelehrten Studierens halber in die (56) Kirche giengen / und nicht vielmehr / daß ihnen der Weeg zur Seeligkeit einfältig gezeiget werde? Nun solche Art zu predigen ist heutiges Tages auffkommen / so daß man weit und breit gehen muß / ehe man höret / daß das Evangelium CHristi in der Krafft und Lauterkeit gelehret und verkündiget wird: Hingegen sind der meisten Predigten mit Menschen-Tand und allerhand Spreu menschlicher Erfindungen so durchmenget / daß die Leute / wenn sie heraus kommen / nicht wissen / was sie gehöret / sondern sprechen; Es war eine schöne gelahrte Predigt; wie schöne Historien bracht er nicht an! Wie war da so viel Latein / Grie-
16 Vgl. vorl. Ausg., S. 22.
17 Wahrscheinlich David Kimchi (1160—1235), jüdischer Grammatiker und Lexikograph. Seine Kommentare zum Alten Testament wurden in die ersten Bibeldrucke aufgenommen. — Raschi, Abkürzung für Rabbi Salomo ben Isaak (1040—1105), bekannter Bibel- und Talmüd- erklärer, von mittelalterlichen Kommentatoren und auch von Luther benutzt.