3. Von den falschen Propheten, 1698
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chisch und Ebräisch in der Predigt! Wenn man aber fraget / was habet ihr denn für eure arme Seele zur Erbauung behalten? So sprechen sie: Unser einer kann das so eben nicht nachsagen / noch so genau alles behalten; so (57) müssen sich die armen Menschen ihrer Erbauung berauben / und umb ihre Seele und Seeligkeit betriegen lassen. Dahero höret noch siehet man auch nicht / daß sich einer bey solcher Prediger- Kunst mit Ernst zu seinem GOtt bekehrete / sondern wenn der liebe Sonntag kömmt / gehen sie zur Kirchen / setzen sich hin / singen und schreyen mit / sperren Maul und Nasen auff / und meynen / was für Speise sie für ihre armen Seelen bekommen. Allein so elend sie hinein gehen / so und noch viel elender kommen sie wieder heraus: Das Hertz ist leer / wie vorhin; weil ihnen die heylsame Lehre JEsu CHristi vom Glauben und der Gottseeligkeit / nicht in der Krafft / noch so lauter und hinlänglich vorgetragen wird / daß ihre Hertzen dadurch könnten überzeuget / und aus dem Verderben errettet werden. Daher bleiben sie / wie gesagt / ein Jahr wie das andere / (58) Anno 98. so böse / als sie Anno 97 gewesen; und also bleibet alles im Verderben liegen.
Wie nun aus der gantzen Berg-Predigt CHristi die falschen Propheten in ihrer Lehr-Art beschämt und für unrichtig erkannt werden; also insonderheit / aus denen vor unserm Text unmittelbar vorhergehenden Worten / da unser Heyland sagt: Gehet ein durch die enge Pforte / denn die Pforte ist weit / und der Weeg ist breit / der zur Verdammnis führet / und ihrer sind viel / die darauff wandeln; und die Pforte ist enge / und der Weeg ist schmal / der zum Leben führet / und wenig sind ihrer / die ihn finden. 1 * Denn da lehret ja die Erfahrung / daß durch der meisten Lehrer ihre Predigten die Menschen von der engen Pforte der Wiedergebuhrt / und von dem schmalen Weege des Creutzes / und der Verleugnung (59) abgeführet werden / und hingegen der Weeg ihnen fein breit gemacht wird. Und wie können sie anders? So sie sich nicht selbst verdammen und verwerfflich machen wollen in Erwegung / daß sie selbst durch die enge Pforte nicht gegangen sind / noch den schmalen Weeg betreten. Denn insgemein wird keiner den Weeg zum Himmel seinen Zuhörern recht vorstellen können noch wollen / als der denselben selber betritt: da hingegen die andern sich sehr wohl in acht nehmen / daß sie den Weeg zum Himmel ja nicht zu schmal machen / damit die Zuhörer nicht etwan dencken mögen; Ey stehet es also umb den Weeg zum Himmel-Reich / so ist unser Pfarrer selbst noch nicht darauff. Und weil sie also selbsten auff den schmalen Weeg wenig halten / so können sie es auch an andern / die darauff mit Lehr und Exempel weisen / nicht ertragen / sondern plaudern mit bösen Worf 60)tan: Man gehe zu weit / man suche es gar zu genau / man wolle vollkommen seyn. Da fänget man an das Volck für heimlichen Gifft / für der Vollkommenheit zu warnen / da doch die Menschen noch wol tausend Meilen entfernet sind von der Christlichen Vollkommenheit / davon unser Heyland sagt beym Matth. V. Seyd vollkommen / wie auch euer Vater vollkommen ist j 19 das ist rechtschaffen / daß ihr nicht allein eure Freunde / sondern auch eure Feinde liebet. Da warnet man die Menschen vor der Lehre von Haltung der Geboth / und suchet dieselbe durch Vorwand der menschlichen Schwachheit und Unvollkommenheit auff- zuheben: Hingegen scheuet man sich nicht zu sagen / wie der liebe GOtt dieses und jenes wol leyden könne / daß man tantze / spiele / Gesundheiten trincke etc. das sey eine zugelassene (61) Lust und indifferente Sache / deren man sich so nicht ent- schlagen könne. Und also ist es mit andern Eitelkeiten mehr bewandt / daß man dieselbe zu indifferenten oder freyen Mittel-Dingen machet / darüber denn die Menschen
18 Matth.7,13f. 18 Matth. 5,28.