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VI. Predigten

und ihr dem Leyden zu entgehen euch noch so und so anstellen müßtet? (124) Wer will euch schaden? So ihr den wahrhafftigen und großen Propheten JEsum CHristum erkennet / und Ihm nachfolget: so habt ihr euch für keinen falschen Propheten zu fürchten / sondern könnet freudig und getrost seyn. Hütet euch aber / daß ihr nicht ein ungerechtes Unheil fället / und Übels redet / da ihrs nicht Ursach habt; sondern enthaltet euch deßen vielmehr / daß nicht durch übeles Nachreden und Urtheilen euer Schatz verlästert werde: wandelt aber in der Stille / und beweiset euer Christenthum mehr in der Krafft / als in Worten / darinn ohne dem das Reich y GOttes nicht bestehet. 54 Denn das ist eine schlechte Kunst / daß man von Predigern Übels reden kann: Umb deßwillen ist einer nicht also fort bekehret. Manche beurthei- len und tadeln andere / die sich selbst noch nicht beurtheilet haben / sehen den Split­ter an andern / und werden des Balcken in ih(125)ien eigenen Augen nicht gewahr. Es soll nicht also seyn / beben Brüder. Manche dencken wol / wenn es nur wahr ist / was sie von Lehrern und Predigern sagen / und an ihnen richten / so hätten sie Ursach gnug bey andern deßen zugedencken / und die Lehrer herdurch zuziehen: prüffen aber nicht / ob es auch im Geiste der Liebe / des Erbarmens und Mitleydens / oder zu anderer Erbauung und Besserung geschehe. Es werden leyder offt von bösen Predigern Historien erzählet / und wird darzu gelachet / und hat man ehe seine Lust und Freude daran / an stat daß man vielmehr darüber weinen / und sich über den Greuel der Verwüstung / der da stehet an der heiligen Stätte / 6B betrüben sollte. Denn ja kein schweerer Gerichte GOttes seyn kann / als wenn er ein Land mit fal­schen Propheten straffet / mit solchen Lehrern / die selbst den Weeg GOttes nicht recht erkennen / lehren und dar (126) auff wandeln. Siehe / das ist ein großes Gerichte / darüber man billich Blut weinen sollte; Deßwegen auch ein jeder dieß in seine Gebete nehmen / und GOtt demüthiglich bitten soll / daß er doch solche schweere Gerichte auswittern lassen / und sich gnädiglich erbarmen über sein armes Volck / und ihnen Hirten nach seinem Hertzen geben wolle / 56 die das Volck mit aller Treue weyden mögen.

Ja es mag ein jeder wohl darauff sehen / daß er mit rechtschaffenem und wahr- hafftigem Hertzen darnach strebe / daß er sich destomehr an die Worte CHristi möge halten / je größer der falschen Propheten und blinden Leiter ihre Schalckheit und Verführung ist. 0 wie leicht ist es / daß auch Kinder GOTTes ihre Sinnen durch die Schalckheit der Schlangen von der Einfältigkeit in CHristo verrücken lassen! Denn Fleisch und Blut hats gar gerne / wenn die Pforte (127) weit / und der Weeg breit gemachet wird / wenn es / wie vorhin gesaget worden / heißet / das und das kann noch dabey stehen / u.s.f. Dafür / sage ich / sollt ihr euch hüten / und destomehr auff GOttes Wort sehen / und euch nicht daran kehren / wenn einer so / und der andere anders saget. Thut nur von Hertzen nach dem Worte GOttes / und lasset es eures Fußes Leuchte und ein Licht auff euren Weegen seyn : 57 so könnet ihr deß gewiß seyn / daß euch niemand verführen noch schaden werde. Denn wer nichts anders suchet / als daß er seine Seeligkeit in CHristo JEsu möge finden; Wer bey dem Worte GOttes / als der einigen Richtschnur des Glaubens und des Lebens vest und beständig hält / und dann sich übet ein unverletzet Gewissen / beydes gegen GOTT und den Menschen zu behalten; 58 Wer diese drey Stücke / sag ich / wohl in acht nimmt / dem

54 Vgl. 1. Kor. 4,20*.

55 Vgl. Matth. 24,15*.

56 Vgl. Jer. 3,15*.

57 Vgl. Ps. 119,105*.

58 Vgl. Apg. 24,16*.